Individuelle Förderung von Kindern mit Rechenschwäche

Welche konkreten Erfolge hat die Schulministerin erreicht bei den von ihr stets geforderten Maßnahmen im Umgang mit Dyskalkulie als Teilleistungsstörung?

Dyskalkulie bezeichnet die Rechenschwäche, bei der den Schülern unter anderem Vorstellungsbilder von Rechenarten fehlen. Diese Defizite können sich in der Folge über den Mathematikunterricht hinaus auch auf den Unterricht in anderen Fächern auswirken. Es handelt sich bei der Dyskalkulie nicht um eine Behinderung. Wissenschaftliche Einschätzungen gehen von einem einstelligen Prozentsatz der Kinder aus, die wohl von Dyskalkulie betroffen sind. Die Rechenschwäche wird von Pädagogen jedoch oftmals nicht erkannt. Daher stellt eine Vermittlung umfassender diagnostischer Fähigkeiten bei Lehrern eine wichtige Maßnahme dar, um frühzeitig eine Rechenschwäche zu erkennen und damit eine umfassende individuelle Förderung zu ermöglichen. So hat die Kulturministerkonferenz in ihrem Beschluss vom 4. März 2010 zur Förderstrategie für leistungsschwächere Schüler unter anderem auch die Lehrerfortbildung unter Beachtung des Aspekts der Rechenschwäche explizit angeführt.

Von einigen Wissenschaftlern wird darüber hinaus die Durchführung des sogenannten DEMAT-Tests (Deutscher Mathematiktest) als Maßnahme empfohlen, da anhand dieser Testung eine Rechenschwäche relativ präzise diagnostiziert und eine Folgeförderung eingeleitet werden kann. Ferner wird oftmals gefordert, bereits vor Beginn der Schulpflicht eine Diagnose mit anschließender Förderung durchzuführen, da sich die präventive Förderung bereits vor der Schulzeit als erfolgversprechend erwiesen habe.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bestehen für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf, etwa im Rahmen des Gemeinsamen Unterrichts, oder zum Beispiel auch im Rahmen mündlicher Leistungen für stotternde Schüler die Möglichkeiten eines Nachteilsausgleichs. Hierbei kann den betreffenden Schülern über die bestehenden Möglichkeiten individueller Förderung hinausreichend unter anderem bei Leistungsüberprüfungen ein verlängerter Zeitraum zur Bearbeitung von Aufgaben zugestanden werden. Schüler mit Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und des Rechtschreibens (LRS) werden zusätzlich gefördert. So können zum Beispiel eine zeitliche Verlängerung eines Bearbeitungszeit raums oder auch die Berücksichtigung dieser Schwächen bei Zeugnissen und Versetzungsentscheidungen Anwendung finden.

In dem Beschluss der Kultusministerkonferenz Grundsätze zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben oder im Rechnen in der Fassung vom 15. November 2007 wird eine Gleichsetzung der Rechenschwäche mit der Lese- und Rechtschreibschwäche abgelehnt. In dem angeführten KMK-Beschluss wird zu dieser Frage ausgeführt: Folglich können auch bei der Leistungsbewertung Rechenstörungen nicht in gleicher Weise berücksichtigt werden wie besondere Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben. Vielmehr sind die pädagogischen Möglichkeiten in der Schule durch eine differenzierte Förderung auszuschöpfen. (...) Neben der Tatsache, dass Ursache, Entstehung und Ausprägung der Rechenstörungen nicht hinreichend erforscht und abgesichert sind, müssen auch die Auswirkungen von Rechenstörungen auf schulische Leistungen gesehen werden. (...) Dies stellt nicht die Praxis einzelner Länder in Frage, in der Primarstufe Schülerinnen und Schülern mit manifesten Rechenstörungen besondere Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen oder die Möglichkeit zu geben, durch individuell ergänzende oder zusätzliche Aufgaben ihre Kompetenzen in weiteren Bereichen der Mathematik darstellen zu können und dies bei der Leistungsbewertung zu berücksichtigen, um der Generalisierung von Misserfolgserlebnissen auf die allgemeine Lernmotivation vorzubeugen.

Die von der Kultusministerkonferenz angesprochene Berücksichtigung der Rechenstörungen, zum Beispiel in der Primarstufe, wird etwa im Bundesland Hessen angewandt. Dort bezieht die Verordnung über die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen (VOLRR) neben der Lese- und Rechtschreibschwäche auch den Aspekt der Rechenschwäche ein. Neben der individuellen Förderung, so zum Beispiel in besonderen Lerngruppen, wird in § 6 Nachteilsausgleich der angeführten Verordnung zum Beispiel im Bereich der differenzierten Aufgabenstellung neben den Fächern Deutsch und Fremdsprachen explizit auch die Mathematik benannt. Ferner ist in § 7 Leistungsfeststellung und Leistungsbewertung festgelegt, dass Nachteilsausgleiche und ein Abweichen von den Grundsätzen der Leistungsfeststellung und Leistungsbewertung vor allem beim Erlernen des Lesens, des Rechtschreibens und des Rechnens in der Grundschule möglich sind und mit andauernder Förderung in den höheren Klassen wieder abgebaut werden.

Genannt werden hierbei zum Beispiel ein vorübergehender Verzicht auf eine Bewertung der Lese-, Rechtschreib- oder Rechenleistung in allen betroffenen Unterrichtsgebieten, der zeitweise Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreib- oder Rechenleistung bei Klassenarbeiten während der Förderphase oder auch die Nutzung des pädagogischen Ermessensspielraumes bei Aussetzung der Notengebung für ein Fach. In § 8 Zeugnisse, Versetzungen, Übergänge ist festgelegt, dass in besonders begründeten Ausnahmefällen in der Grundschule die Rechenkenntnisse im Fach Mathematik sogar bei der Zeugnisnote unberücksichtigt bleiben können.

Schulministerin Sylvia Löhrmann hat bei den von Dyskalkulie Betroffenen große Erwartungen geweckt, es sei ihr ein ehrliches Anliegen, eine bessere Förderung der von Dyskalkulie betroffenen Schüler sicherzustellen, da sie sich vor Übernahme des Ministeramtes eindeutig festgelegt hat. In dem von Sylvia Löhrmann persönlich unterzeichneten Antrag Kinder mit Teilleistungsstörungen individuell fördern (LT-DS 14/1663) lauten die von Sylvia Löhrmann erhobenen Forderungen im Wortlaut:

Die Landesregierung wird aufgefordert, Dyskalkulie in Nordrhein-Westfalen als Teilleistungsstörung anzuerkennen, die individuelle Förderung und einen Nachteilsausgleich der betroffenen Schülerinnen und Schüler sicherzustellen. Zur Unterstützung der Lehrkräfte ist eine entsprechende Lehreraus- und -fortbildung zu gewährleisten, die auch die Diagnostik und Entwicklung der Diagnosekompetenz sowie die Befähigung zur individuellen Förderung einschließt. Darüber hinaus brauchen Schulen und Eltern eine kontinuierliche Beratung. Materialien zur Förderung der von Dyskalkulie betroffenen Kinder, besonders in der Grundschule, sind mit den Fachverbänden zu erarbeiten, Lehrkräften und Eltern zur Verfügung zu stellen.

Als Mitglied der Landesregierung hat Antragstellerin Sylvia Löhrmann nun selber vielfältige Möglichkeiten, ihren eigenen Forderungen wirkungsvoll zu einer politischen Umsetzung zu verhelfen.

Ich frage daher die Landesregierung:

1. Auf welche Weise genau erfolgt derzeit an nordrhein-westfälischen Bildungseinrichtungen aufgeschlüsselt nach den jeweiligen Maßnahmen im Elementar-, Primar- und Sekundarbereich die individuelle Förderung von Kindern zum Abbau der Rechenschwäche?

2. An namentlich welchen einzelnen nordrhein-westfälischen Schulen differenziert nach Schulformen wird gegenwärtig der DEMAT-Test auch zur Diagnostizierung einer Rechenschwäche angewandt?

3. Welche einzelnen konkreten Maßnahmen hat Schulministerin Löhrmann seit ihrem Amtsantritt bislang neu ergriffen, um die jeweiligen einzelnen Forderungen ihres eigenen Landtagsantrags (LT-DS 14/1663) umzusetzen?

4. Wie bewertet die Landesregierung unter Berücksichtigung der hessischen Regelungen im Einzelnen den genannten Beschluss der Kultusministerkonferenz in der Fassung vom 15. November 2007 bezüglich der unterschiedlichen Einschätzung der und der Rechenstörungen?

5. Welche konkreten einzelnen Veränderungen in puncto Nachteilsausgleich wird Schulministerin Löhrmann im Vergleich zur bisherigen Handhabung in dieser Legislaturperiode unter Angabe der voraussichtlichen Termine des Inkrafttretens herbeiführen?