Zentralabitur gut vorbereiten und bei Fehlern angemessen reagieren ­ Mögliche Nachteile für Schülerinnen und Schüler bei einer Prüfungswiederholung vermeiden

I. Ausgangslage:

In den Aufgaben des diesjährigen Zentralabiturs sind mehrfach Fehler in verschiedenen zu prüfenden Fächern aufgetreten. Bekannt geworden sind hierbei Fehler unterschiedlicher Intensität u.a. in den Fächern Deutsch, Informatik, Spanisch und Mathematik. Die Vielzahl der Fehler im diesjährigen Zentralabitur ist insofern erstaunlich, als dass nach den anfänglichen Problemen bei der Einführung des Zentralabiturs die Prüfungen zum Beispiel im vergangenen Jahr störungsfrei absolviert wurden. Nunmehr werden im ersten von der amtierenden Ministerin für Schule und Weiterbildung, Sylvia Löhrmann, politisch zu verantwortenden Zentralabitur nahezu täglich neue Pannen und Irritationen gemeldet. Offenbar wird die aktuelle Schulministerin den eigenen, von ihr ursprünglich proklamierten Maßstäben nicht gerecht.

In der Vergangenheit hatte die heutige Schulministerin deutliche Kritik am Zentralabitur geübt und Veränderungsbedarf eingefordert. In dem Antrag Chaos beenden ­ Zentralabitur neu ausrichten (Landtags-Drucksache 14/6861) aus dem Jahr 2008 kritisiert Sylvia Löhrmann als Unterzeichnerin zum Beispiel eine verfehlte Art und Weise der Aufgabenstellungen oder wenig Spielraum hinsichtlich der Wahlmöglichkeiten bei den Aufgabenstellungen. Ebenfalls bemängelt die Antragstellerin Löhrmann, dass sich in den Prüfungsaufgaben angeblich andere Anforderungen fänden, als in den Richtlinien und Lehrplänen vorgesehen seien. Das Verfahren sei demnach grundsätzlich zu evaluieren und auf den Prüfstand zu stellen. Letztlich wurde die Landesregierung aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass die Aufgaben im Abitur sachgerecht seien und in der für sie vorgesehenen Zeit gelöst werden könnten. Diesen Forderungen ist die Ministerin für Schule und Weiterbildung direkt beim ersten Abitur unter ihrer eigenen Verantwortung offensichtlich nicht gefolgt.

Gravierende Folgen der Pannen im diesjährigen Zentralabitur haben sich für die Schüler schließlich im besonderen Fall im Fach Mathematik ergeben. Nach vielfacher Kritik an den

Aufgabenstellungen sah sich das Ministerium für Schule und Weiterbildung letztlich dazu veranlasst, Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit einer erneuten Prüfung im Grundkurs Mathematik einzuräumen. Allerdings konnte selbst die Umsetzung dieser Neuschreibeklausur nicht ohne Probleme durchgeführt werden. Nicht nur die ursprünglichen Mathematiklausuren sind in der Aufgabenstellung problematisch gestaltet gewesen. Sogar die den Schulen übersandte Klausuralternative, die Schüler freiwillig aufgrund der vom Staat bereits verursachten Probleme wiederholen konnten, war fehlerbehaftet. Bei diesem unfassbaren Vorgang handelte es sich um eine Panne, die direkt vom Ministerium für Schule und Weiterbildung zu verantworten ist. Letztlich konnte ein noch größerer Schaden nur durch die Aufmerksamkeit eines nordrhein-westfälischen Lehrers verhindert werden, der den Fehler entdeckte und meldete.

Selbst wenn die Wiederholungsprüfung fehlerfrei verlaufen wäre, ist das vom Ministerium für Schule und Weiterbildung gewählte Verfahren allerdings hoch problematisch. Grundsätzlich ist zwar die Entscheidung des Angebots einer freiwilligen Wiederholungsprüfung aufgrund der von staatlicher Seite verschuldeten Probleme zu begrüßen. Allerdings kann ein solches Verfahren nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Möglichkeit des erneuten Schreibens einer zunächst fehlerhaften Klausur auch die Gefahr deutlicher Nachteile für die betroffenen Schüler birgt. Da die Schüler sich ohne Kenntnis der Ergebnisse der ersten Klausur und damit auch ohne hinreichende Informationen über eine mögliche Beeinflussung durch die Fehler der Aufgabengestaltung auf ihre Prüfung für ein erneutes Schreiben entscheiden mussten, kann dieser Umstand gegebenenfalls zu einer deutlichen und unerwarteten Notenverschlechterung führen.

Selbstverständlich handelt es sich bei einer solchen erneuten Prüfung nicht um eine klassische Nachprüfung. Jedoch ist das Angebot einer Wiederholungsprüfung schließlich auf fehlerhaftes staatliches Verhalten zurückzuführen und somit eine spezifische Situation, die Schülerinnen und Schüler nicht unwesentlich beeinflusst. Daher muss den Betroffenen in einer solchen Situation zunächst transparent das erzielte Ergebnis der fehlerhaft gestellten Klausur mitgeteilt werden. Nur so können Schülerinnen und Schüler sich qualifiziert für eine neue Klausur entscheiden. Den Schülern, die von der Möglichkeit einer erneuten Prüfung Gebrauch machen, muss hierbei ferner ein angemessener Vorbereitungszeitraum von mindestens zwei Wochen vor einer erneuten Prüfung eingeräumt werden.

Als inakzeptabel ist im Rahmen der Wiederholungsprüfung auch das Vorgehen des Schulministeriums bei der Weitergabe der korrigierten Wiederholungsklausur auf elektronischem Wege zu bewerten. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat hierbei die Dienst-EMails der Schulen verwandt. Hierdurch wurde den unverzichtbaren Anforderungen an die Datensicherheit und der Vertraulichkeit nur unzureichend Rechnung getragen, wie auch in der Öffentlichkeit kritisiert wurde. Ministerin Löhrmann riskiert durch dieses Vorgehen mögliche Klagen von Schülern, die sich durch hierdurch benachteiligt fühlen könnten.

II. Handlungsnotwendigkeiten:

Das Abiturverfahren und seine Durchführung sind dringend korrekturbedürftig. Bei weiteren Abiturterminen muss ein reibungsloser und fehlerfreier Ablauf sichergestellt werden. Bestehende Qualitätsmängel müssen behoben und für die etwaigen auftretenden Probleme gerechte Lösungen gefunden werden. Hierbei muss zukünftig gewährleistet werden, dass Schülerinnen und Schülern, denen aufgrund staatlicher Fehler bei der Ausgestaltung der Abiturprüfungen die Möglichkeit einer Wiederholung einer Prüfung gegeben wird, keine Nachteile befürchten müssen. Kein leidtragender Schüler darf durch Fehler staatlicher Instanzen benachteiligt werden. Zu dieser Gerechtigkeit zählen auch höchste Anforderungen an die Datensicherheit und die Vertraulichkeit der Prüfungsunterlagen, um keine Wettbewerbsvorteile herbeizuführen und die Vergleichbarkeit der Prüfungsleistungen zu gewährleisten.

III. Beschlussfassung:

Der Landtag fordert die Landesregierung auf,

1. Schülern im Falle staatlich verursachter Fehler bei der Aufgabenstellung von zentralen Prüfungen die Möglichkeit eines wiederholten Prüfungsantritts mit neuer Aufgabenstellung zu gewähren,

2. vor der Entscheidung über die Teilnahme an einer erneuten Prüfung zukünftig zuvor transparent das Leistungsergebnis der bereits erfolgten Prüfung gegenüber dem betroffenen Schüler zu benennen, um Schülerinnen und Schülern eine qualifizierte eigene Entscheidungsmöglichkeit zu geben,

3. bei der Einräumung einer solchen Wiederholungsprüfung den Schülerinnen und Schülern, die bereits in dem entsprechenden Fach eine Prüfung abgelegt haben, zwischen der öffentlichen Bekanntgabe der Wiederholungschance und dem tatsächlichen Prüfungstermin mindestens eine Zweiwochenfrist zur Vorbereitung zu ermöglichen,

4. die höchsten Ansprüche der Datensicherheit bei der Übermittlung der Prüfungsunterlagen zu gewährleisten, um Nachteile für Schüler zu verhindern.