Brain drain von Fachkräften aus Nordrhein-Westfalen

Die Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen stellt einen elementaren Grundpfeiler für die Wettbewerbsfähigkeit und die wirtschaftliche Prosperität des Landes dar. Notwendig hierzu sind umfangreiche Maßnahmen, wie sie von der rotgrünen Landesregierung in der Initiative zur Fachkräftesicherung in Nordrhein-Westfalen beschlossen wurden.

Ein besonderes Augenmerk muss in diesem Zusammenhang den Meldungen und Publikationen gewidmet werden, wonach in Deutschland und NRW lebende Fachkräfte mit und ohne Migrationshintergrund in zunehmendem Maße das Land verlassen. So stellt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem Jahresgutachten 2011 fest, dass es inzwischen zu einer Verfestigung der negativen Wanderungsbilanz gekommen ist. Deutschland habe seinen lange politisch umstrittenen Status als Einwanderungsland (...) im statistischen Sinn längst verloren.

Es kann also von einem Brain drain gesprochen werden, weil mehr Fachkräfte das Land verlassen, als zu uns kommen.

1. Wie hoch ist der Anteil der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund im erwerbsfähigen Alter mit einer abgeschlossen Berufsausbildung bzw. einem tertiären Ausbildungsabschluss (Meister/Technikerausbildung, Fachschul- und Hochschulabschluss)? in Nordrhein-Westfalen in 2005-2010?

In Nordrhein-Westfalen hatten laut Mikrozensus 2010 2,13 Mio. Menschen im Alter von 25 bis unter 65 Jahren einen tertiären Ausbildungsabschluss, das entspricht einem Anteil an der entsprechenden Bevölkerung von 22,9 %. Der Anteil der Personen mit tertiärem Ausbildungsabschluss betrug bei den Menschen ohne Migrationshintergrund 25,1 % (2005: 23,0 %) und bei den Menschen mit Migrationshintergrund 15,4 % (2005: 14,2 %). 5,18 Mio. Menschen im Alter von 15 bis unter 64 Jahren hatten 2010 eine abgeschlossene Berufsausbildung, das sind 55,7 % der Altergruppe. Der Anteil der Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung lag 2010 bei den Menschen ohne Migrationshintergrund bei 61,0 % (2005: 60,5 %) und bei den Menschen mit Migrationshintergrund bei 38,0 % (2005: 37,7 %).

2. Welche ­ auch statistischen - Erkenntnisse liegen der Landesregierung über den Brain drain von Fachkräften (inklusive Selbstständigen) mit und ohne Migrationshintergrund seit 2005 vor?

2010 gab es anders als in den Vorjahren wieder einen Wanderungsüberschuss in Deutschland. 798.200 Personen zogen aus dem Ausland zu, 670.600 ins Ausland ab. Bei Deutschen war der Saldo allerdings auch 2010 negativ. Grundlage der Wanderungsstatistik sind die von den Meldeämtern erfassten Wechsel der Hauptwohnung bzw. alleinigen Wohnung. Bei Wanderungen über die Grenzen der Bundesrepublik werden u.a. Ziel- und Herkunftsland, Staatsangehörigkeit, Geschlecht und Alter erfasst. Eine Erfassung des Bildungsabschlusses und der Qualifikation erfolgt nicht. Daher sind keine wanderungsstatistisch gesicherten Aussagen zum Brain Drain möglich. Auch ist unklar, ob es sich bei einer registrierten Abwanderung wirklich um eine dauerhafte Auswanderung oder vielmehr um eine von Beginn an auf Rückkehr angelegte Entscheidung handelt (Pendelmigration).

Mehrere wissenschaftliche Studien legen eine deutliche Zunahme der Abwanderung von Fachkräften nahe. So kommt das Jahresgutachten 2011 des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zum Ergebnis, dass es vor allem Qualifizierte im besten Erwerbsalter sind, die Deutschland als Ab- bzw. Auswanderer verlassen.

3. Was sind die Gründe nach Erkenntnis der Landesregierung dafür, dass Fachkräfte, Akademikerinnen und Akademiker mit Migrationshintergrund das Land trotz des Fachkräftemangels verlassen?

Die Gründe für die Abwanderung von Fachkräften sind vielfältig. Eine Rolle spielen allgemeine Arbeitsmarktshindernisse für Menschen mit Migrationshintergrund. So fehlen nach wie vor effiziente Verfahren zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen, Kompetenzfeststellungsverfahren, zentrale Einstiegs-/Beratungsstrukturen und passgenaue Instrumente für Anpassungs- und Nachqualifizierungen.

In der Praxis wird zudem auf Überreglementierung sowie ein kompliziertes Steuer- und Abgaberecht und eine oftmals nicht leistungsgerechte Bezahlung in Deutschland hingewiesen.

Gleichzeitig gibt es gezielte Abwerbeanstrengungen von Ländern, die das hohe Ausbildungsniveau Deutschlands schätzen und kreative, gut ausgebildete Köpfe anwerben.

Als weiterer Grund der Abwanderung von Fachkräften ist auch die für ausländische Studienabsolventen mit einem Jahr nur kurze Zeit zur Suche eines adäquaten Arbeitsplatzes in Deutschland zu berücksichtigen.

4. In welche Länder wandern Fachkräfte mit und ohne Migrationshintergrund aus?

Der Migrationshintergrund wird in der Wanderungsstatistik nicht erfasst. Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass in Länder mit überwiegend hohem Lohnniveau eine starke Zuwanderung stattfindet. Laut Wanderungsstatistik sind die wichtigsten Zielländer abwandernder deutscher Staatsangehöriger aktuell die Schweiz, Österreich und die USA. Die wichtigsten Zielländer aus Deutschland abwandernder ausländischer Staatsangehöriger sind Polen, Rumänien und die Türkei.

5. Wie viele ausländische Studierende sind seit 2005 nach ihrem Studienabschluss zur Aufnahme einer Berufstätigkeit in Deutschland bzw. NRW geblieben (pro Jahr)? Nordrhein-Westfalen verfügt über keine eigene Statistik über den Verbleib von ausländischen Studierenden nach Studienabschluss. Nach jüngster Studie der OECD über Migration (Internationaler Migration Outlook 2011) verbleiben 2009 jedoch 26,3 % der ausländischen Studierenden nach ihrem Studium in Deutschland. Damit liegt Deutschland leicht über dem OECD-Durchschnitt von 25 %. Es liegen keine Hinweise vor, dass Nordrhein-Westfalen von diesem Ergebnis abweicht.

Eine Abfrage beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das als Registerbehörde das Ausländerzentralregister führt, hat ergeben, dass zum Stichtag 31.Dezember 2010 im Bundesgebiet 3.769 Ausländerinnen und Ausländer einen Aufenthaltstitel nach § 16 Abs. 4 Aufenthaltsgesetz besaßen, der es ihnen ermöglicht, nach erfolgreichem Studienabschluss bis zu einem Jahr einen adäquaten Arbeitsplatz in Deutschland zu suchen.

Unter allen Ländern war Nordrhein-Westfalen mit 746 Personen an der Spitze vor Berlin mit 703 und Bayern mit 504 Personen. Weitere differenzierte Daten liegen nicht vor.