30- bis 50-Jährige ohne Berufsabschluss: Jeder Fünfte in NRW ist betroffen

Laut Angaben des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) hat Nordrhein-Westfalen bundesweit den zweithöchsten Anteil 30- bis 50-Jähriger, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Deutschlandweit liegt die Zahl bei durchschnittlich 15 Prozent, in Nordrhein-Westfalen sind es hingegen 19,7 Prozent, während beispielsweise in Thüringen und Sachsen-Anhalt nur 5 Prozent betroffen sind. Damit ist in Nordrhein-Westfalen jede/r Fünfte der Altersgruppe von 30 bis 50 Jahren betroffen.

1. Wo sieht die Landesregierung die Ursachen dieser schlechten Bilanz?

Nordrhein-Westfalen ist stark von großstädtischen Strukturen geprägt, in denen sich ungünstige soziale Lagen konzentrieren. So hat die Arbeitslosenquote beispielsweise einen großen Einfluss auf die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Je höher diese ist, desto geringer ist die Übergangsquote Jugendlicher in Ausbildung.

Auch der hohe Anteil Zugewanderter in den Städten NRWs spiegelt sich in hohen Anteilen von Menschen ohne beruflichen Abschluss wider. Aus der Forschung zu individuellen Übergangsproblemen ist bekannt, dass ein Migrationshintergrund unabhängig vom Qualifikationsniveau die Übergangschancen in Ausbildung mindert.

2. Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit bei den Personen der Altersgruppe 30 bis 50 Jahre ohne Berufsabschluss im Vergleich zur durchschnittlichen Arbeitslosigkeit bezogen auf NRW und jeweils gegliedert nach Arbeitsamtsbezirken?

In Nordrhein-Westfalen haben von den 400.174 arbeitslos gemeldeten Personen zwischen 30 und 49 Jahren 216.069 bzw. 54,0 Prozent keinen Berufsabschluss. Dies entspricht nahezu dem Anteil aller arbeitslos gemeldeten Menschen ohne Berufsabschluss in NRW. So haben in NRW von den 779.434 arbeitslos gemeldeten Personen 415.222 bzw. 53,3 Prozent keinen Berufsabschluss.

Der Stand der Arbeitslosen in der angesprochenen Personengruppe in den Bezirken der Arbeitsagenturen in Nordrhein-Westfalen ist der in der Anlage beigefügten Tabelle zu entnehmen.

3. Was beabsichtigt die Landesregierung gegen diesen hohen Anteil von Personen ohne Berufsabschluss zu tun?

Menschen ohne Berufsabschluss stellen keine homogene Gruppe mit einheitlicher Problemlage dar. Es ist aber ein wesentliches Ziel der Landesregierung, die Chancen junger Menschen auf einen erfolgreichen Berufsabschluss deutlich zu verbessern und damit den Anteil Ungelernter zu senken. Entsprechend weitreichende Veränderungen sind im Wesentlichen nicht durch kurative Maßnahmen, sondern vorrangig durch eine bewusst präventive Vorgehensweise zu erreichen. Deshalb hat die Landesregierung mit ihren Partnern im Ausbildungskonsens NRW die flächendeckende Einführung einer frühzeitigen Berufsorientierung mit einer klaren Ausrichtung auf die Herstellung von Ausbildungsreife und die systematische Umgestaltung des Übergangssystems von der Schule in den Beruf verbindlich verabredet.

Die Landesregierung unterstützt außerdem mit dem Programm Bildungsscheck Beschäftigte aus kleinen und mittleren Unternehmen bei ihrer Weiterbildung. Mehr als 400.000 Beschäftigte haben bislang dieses Angebot genutzt. Seit Juni dieses Jahres sind die Förderkonditionen gerade auch für un- und angelernte Beschäftigte verbessert worden. Sie können künftig jährlich den Bildungsscheck nutzen.

Allerdings ist der Bildungsscheck mit seiner Höchstfördersumme von 500 kein Instrument zur Finanzierung des Nachholens von Berufsabschlüssen. Die Landesregierung setzt sich deshalb für den Erhalt und den Ausbau der Fördermöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit ein. Dazu muss im Rahmen der beruflichen Weiterbildung deutlich stärker als derzeit über abschlussbezogene Maßnahmen weitergebildet werden.

Nicht selten übernehmen An- und Ungelernte Tätigkeiten von Fachkräften, weil sie sich über die Jahre im Beruf und innerhalb ihres Tätigkeitsfeldes weiterentwickeln. Diesen Menschen muss ein Angebot unterbreitet werden, um ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Zwar sieht das Berufsbildungssystem dafür die Möglichkeit der Externenprüfung vor. Diese Möglichkeit wird allerdings zu selten genutzt. Deshalb müssen individuelle Ansätze abseits herkömmlicher Prüfungssituationen gefunden werden, damit Un- und Angelernte ihre Fähigkeiten und Talente beweisen können. Möglich wäre dies durch Verfahren der Kompetenzfeststellung im regulären Arbeitszusammenhang.

Die Landesregierung setzt sich daher gegenüber der Bundesregierung dafür ein, dass Kompetenzfeststellungsverfahren als Regelverfahren in das deutsche Berufsbildungssystem eingeführt werden.

Darüber hinaus hat der Bundesrat u. a. auf Initiative Nordrhein-Westfalens im Rahmen der Beratungen zum Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen bereits die Bundesregierung aufgefordert, die standardmäßige Möglichkeit zur Teilnahme an einem Kompetenzfeststellungsverfahren innerhalb des Gesetzentwurfes zu verankern.