Zwangsversetzungen und Abschlussgarantie für alle Schüler

Wie weit will die Landesregierung die Qualität des nordrhein-westfälischen Schulsystems beschädigen?

Die Ministerin für Schule und Weiterbildung hat die Kleine Anfrage 29 mit Schreiben vom 29. September 2010 namens der Landesregierung wie folgt beantwortet:

Vorbemerkung der Kleinen Anfrage:

Mit Entsetzen haben viele an der Bildungsqualität interessierte Schüler, Eltern und Fachleute die Formulierungen zur Klassenwiederholung und zum Abschlusszwang an Schulen im rotgrünen Koalitionsvertrag sowie die diesbezüglichen Äußerungen von Schulministerin Sylvia Löhrmann in der Rheinischen Post vom 21. Juli 2010 zur Kenntnis genommen. Aus Sicht der FDP-Landtagsfraktion stellt sich die aktuelle Problemlage wie im nachfolgenden Text beschrieben dar:

In diesem Interview greift die Schulministerin unsere nordrhein-westfälischen Gymnasien frontal an und erklärt, dass zu viele der Gymnasien mit dem Instrument des Sitzenbleibens arbeiteten und dass jede Schule, auch die Gymnasien, die volle Verantwortung übernehmen müssten, jedes aufgenommene Kind zum Abschluss zu führen. Gleichzeitig erklärt die Schulministerin, dass nach der Sommerpause entschieden werde, welche Bestandteile der Schulreform in Gesetzesform gegossen werden. Hierbei spricht sie von einer Vermeidung des Sitzenbleibens sowie dem Verbot des Abschulens. Die Äußerungen der Schulministerin entsprechen den Formulierungen des rot-grünen Koalitionsvertrages. Dort wird angekündigt, dass jede Schule alle einmal aufgenommenen Schülerinnen und Schüler zum Abschluss führen müsse.

Unter liberaler Regierungsmitverantwortung wurde durch umfangreiche Maßnahmen die Wiederholerquote vom Schuljahr 2004/2005 zum Schuljahr 2009/2010 von 3,4 auf 2,4 Prozent gesenkt. Gleichzeitig ist in demselben Zeitraum die Sitzenbleiberquote an den von Schulministerin Löhrmann attackierten Gymnasien von 2,4 auf nur noch 1,3 Prozent beson ders deutlich gesunken. Ebenfalls konnte im Vergleich zu der damaligen rot-grünen Landesregierung zwischen 2005 und 2009 die Zahl der Schulabgänger ohne einen Hauptschulabschluss von 6,9 auf 6,1 abgesenkt werden.

Klassenwiederholungen durch individuelle Förderung weitestgehend zu verhindern, ist stets ein wichtiger Bestandteil der Schulpolitik der gelb-schwarzen Vorgängerregierung gewesen.

Die genannten amtlichen Daten belegen den Erfolg dieser Maßnahmen. Eine gesetzliche Abschaffung der Klassenwiederholung ist ein schwerwiegender Eingriff, der zwar Vergleichsstatistiken verschönern hilft, jedoch den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Schülerinnen und Schüler nicht entspricht. Auch wenn es sinnvoll ist, den Anteil der Klassenwiederholungen durch eine individuelle Förderung möglichst zu minimieren, gibt es Schülerinnen und Schüler, für die eine Wiederholung einer Klassenstufe sinnvoll ist und denen diese Wiederholung auch Chancen eröffnet, insgesamt wieder den Anschluss an ihr Leistungsumfeld zu gewinnen. Letzteres gilt oftmals auch dann, wenn zum Zeitpunkt der Entscheidung über eine Klassenwiederholung diese vom betroffenen Schüler nicht als erstrebenswert angesehen wird.

Die lebenspraktische Erfahrung zeigt allerdings, dass bei bestimmten Schülern oder in bestimmten Altersphasen die Einsicht in von außen vorgegebene Notwendigkeiten zur Erlangung einer Versetzung in die nächsthöhere Klasse oder den Verbleib in der gegenwärtigen Schulform fehlt. Richtig ist: Am besten lernt ein Schüler aus eigenem Antrieb und Bildungsinteresse freiwillig. Richtig ist aber auch: Besser, ein Schüler lernt für die Erlangung seiner Versetzung, als dass er gar nicht lernt, wenn Lernverweigerung und gravierende Leistungsdefizite für seine Schullaufbahn folgenlos sind.

Die Pläne der rot-grünen Minderheitenregierung muten um so grotesker an, da zeitgleich durch Abschaffung der Grundschulgutachten oder des Probeunterrichtes jedes an Potentialen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und gezeigter Leistung ausgerichtete Steuerungsinstrument für den Übertritt zur weiterführenden Schule abgeschafft wird. Das bedeutet im Klartext: Eltern können ein für die Anforderung eines Bildungsganges offenkundig ungeeignetes Kind dennoch an der gewünschten Schulform anmelden, und dieses Kind erwirbt nach Aufnahme dann die staatlich zugesagte Garantie zum Erhalt des schulformspezifischen Abschlusses innerhalb der regulären Schulzeit auch bei einer Verfehlung jedweder curricularer Anforderung.

Der ideologisch motivierte Zwang, alle einmal aufgenommenen Schüler an einer Schule zu einem Abschluss zu führen, wird zu einer massiven Beschädigung der Leistungs- und Chancengerechtigkeit durch die nahezu unausweichliche Heraufsetzung der Vornoten bei leistungsschwachen oder leistungsunwilligen Schülern, zu einer Niveauabsenkung des Unterrichts, zu einer Aushöhlung der Vergleichbarkeit des Notensystems und hieraus folgend im schlimmsten Fall mittelfristig zu einer Bedrohung der bundesweiten Anerkennung nordrheinwestfälischer Schulabschlüsse führen. Es ist kaum zu erwarten, dass eine größere Anzahl anderer Bundesländer dem rot-grünen Irrweg aus NRW auch folgen wird.

Vorbemerkung der Landesregierung:

In der kleinen Anfrage greifen die Fragesteller den Koalitionsvertrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen sowie die Äußerungen von Schulministerin Sylvia Löhrmann in der Rheinischen Post vom 21. Juli 2010 auf. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen Zwangsversetzung und Abschlussgarantie und werfen Frau Ministerin Löhrmann einen Frontalangriff auf die Schulform Gymnasium vor. Demgegenüber ist festzustellen:

In dem zitierten Interview wie auch in anderen Interviews (vgl. Aachener Nachrichten vom 24.08.2010) hat Frau Ministerin Löhrmann die Arbeit der Gymnasien ausdrücklich gelobt. Sie hat allerdings auf notwendige Fortentwicklungen verwiesen, die sich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen auch für die Schulform Gymnasium ergäben. Auf diese notwendigen Fortentwicklungen hat im Juli 2008 z. B. auch der damalige Generalsekretär der nordrhein-westfälischen FDP, Christian Lindner hingewiesen: Das Gymnasium steht unter Druck. Die Schülerschaft wird heterogener, die Leistungsunterschiede werden immer größer.

Darauf müssen wir reagieren... (KSTA vom 22.07.2008)

1. Wie haben sich nach allen der Landesregierung vorliegenden Daten in den letzten fünfzehn Jahren in NRW jeweils jährlich und jeweils differenziert nach allen einzelnen Schulformen sowohl die Klassenwiederholungen als auch die Abschulungen in Prozent entwickelt?

Die Entwicklung der Schulformwechsler von der Real- zur Hauptschule und vom Gymnasium zur Haupt- oder Realschule sowie die Entwicklung der Klassenwiederholungen in den letzten 15 Jahren gehen aus den nachstehenden Tabellen hervor.

Erkennbar ist, dass der Anteil der Schulformwechsler von der Real- zur Hauptschule ausgehend vom Schuljahr 2001/02 und vom Gymnasium zur Haupt- oder Realschule ausgehend vom Schuljahr 2000/01 weitgehend kontinuierlich zurückgegangen ist.

Ähnlich verhält es sich bei der Entwicklung der Wiederholerquoten in den Schulformen der Sekundarstufe I: Ausgehend vom Schuljahr 2001/02 sind diese weitgehend kontinuierlich rückläufig.

Der Rückgang der Wiederholerquote in der Sekundarstufe I des Gymnasiums von 1,5% im Schuljahr 2008/2009 auf 1,3% im Schuljahr 2009/10 ist hauptsächlich auf das Absinken der Wiederholerquote in der Jahrgangsstufe 9 von 3,0% im Schuljahr 2008/09 auf 1,0% im Schuljahr 2009/10 zurückzuführen. Ursächlich hierfür ist die Umstellung des gymnasialen Bildungsgangs von neun auf acht Schuljahre. Schülerinnen und Schüler, die im Schuljahr 2009/10 die neunte Jahrgangsstufe wiederholt haben, sind gleichzeitig vom neunjährigen in den achtjährigen Bildungsgang gewechselt und gehen folglich bereits mit Erreichen der zehnten Jahrgangsstufe in die gymnasiale Oberstufe über. Damit erfolgt für diese Schülergruppe der Übergang in die gymnasiale Oberstufe mit Klassenwiederholung zum gleichen Zeitpunkt wie ohne Klassenwiederholung. Die individuelle Verweildauer im Schulsystem wird durch die Klassenwiederholung nicht verändert. Diese Besonderheit ist offenbar in vielen Fällen bei Versetzungsentscheidungen berücksichtigt worden und hat zu dem oben dargestellten Rückgang der Wiederholerquote wesentlich beigetragen.