Demenzerkrankungen ­ eine gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung für das Land Bremen

Der Senat beantwortet die Große Anfrage wie folgt:

1. In wieweit werden Ärzte hinsichtlich der Früherkennung von Demenzerkrankungen sensibilisiert und qualifiziert, und inwieweit ist die Aus-, Fort- und Weiterbildung fortgeschritten im Vergleich zur Mitteilung des Senats vom 21. Juli 2001?

Die in den letzten Jahren ständig weiterentwickelten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Problematik der Demenz haben ähnlich wie beim Schlaganfall bei der Ärzteschaft zu der Gewissheit und Einsicht geführt, dass der Verlauf demenzieller Erkrankungen keineswegs als schicksalhaft hinzunehmen, sondern im Hinblick auf Früherkennung, Diagnostik und therapeutische Möglichkeiten grundsätzlich neu zu bewerten ist. Durch intensivierte Maßnahmen im Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereich konnte daher zwischenzeitlich eine hochgradige Sensibilisierung erreicht werden, von der die Betroffenen profitieren. Zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen auch im Frühjahr 2003 widmen sich der Problematik der Demenz (z. B. der Ärztliche Verein zu Bremen zu Phänomenologie und Mechanismen unterschiedlicher Demenzformen).

Siehe auch die Antworten zu Frage 8. und 9.

2. Erachtet es der Senat vor dem Hintergrund der rasch wachsenden Zahl demenzieller Erkrankungen für sinnvoll, dass die Studiengänge Pflege- und Gesundheitswissenschaften im Lande Bremen ihre Forschungsarbeit hinsichtlich der ambulanten medizinischen und pflegerischen Versorgung von Demenzpatienten intensivieren? Wie wird im Lande Bremen sichergestellt, dass die wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse möglichst rasch in die medizinische und pflegerische Praxis Eingang finden?

Im Unterschied zur medizinischen Perspektive (Frage 1.) stehen bei der Bearbeitung des Themas Demenz aus pflegewissenschaftlicher und gerontologischer Perspektive Aspekte der Versorgungsforschung im Vordergrund. Das Institut für angewandte Pflegeforschung ­ iap ­ der Universität Bremen verantwortet innerhalb des Zentrums für Public Health das Forschungsfeld Pflege, Altern und Gesundheit und bearbeitet u. a. die Entwicklung von Unterstützungssettings für Patienten, pflegende Angehörige und Gruppen, die Schaffung von integrierten Versorgungsangeboten und die Weiterentwicklung der Pflegeinfrastruktur sowie die Entwicklung von Methoden und Instrumenten zur Messung von Pflegequalität. Dies schließt natürlich auch ältere Menschen mit dementiellen Erkrankungen als chronischen Krankheitsverlauf ein. Das iap weist aber keinen expliziten Forschungsschwerpunkt zur Demenz aus, sondern zu Fragestellungen von Prävention und Rehabilitation, weil das iap hierzu und zu anderen Forschungsfeldern ­ vor dem Hintergrund der bundesweiten Konkurrenzsituation ­ besondere Chancen hat, überregional Forschungsmittel zu akquirieren, nicht aber in dem stark medizinisch ausgerichteten Schwerpunkt der Demenzforschung.

Die Intensivierung der pflegerischen Versorgung von Demenzpatienten bedeutet aus gerontologischer bzw. pflegewissenschaftlicher Perspektive die Notwendigkeit, regional den Status Quo zur aktuellen Versorgungssituation von Demenzkranken und insbesondere ihrer pflegenden Angehörigen im häuslichen Bereich zu untersuchen. Auf der Grundlage dieser Forschung könnten weitere Erkenntnisse über zukünftige Schwerpunktsetzungen und Bedarfe im Bereich der Versorgungsforschung bei Demenz für das Land Bremen ermittelt werden; das iap könnte diese Forschung leisten. Dies würde aber die Bereitstellung von Projektmitteln erfordern, die zurzeit nicht zur Verfügung stehen.

Der Lehramtsstudiengang Pflegewissenschaft hat die Thematik Demenz sowohl in medizinischer als auch in pflegerischer Perspektive in sein Curriculum integriert, so dass neuere pflegetherapeutische Ansätze und Versorgungskonzepte theoretisch reflektiert werden. Medizinische Expertise wird über einschlägige Honorarprofessuren in den Studiengang eingebracht.

Der Wissenstransfer aus der Theorie in die Praxis ist, unabhängig von Themen und Institutionen, ein schwieriges Feld. Eine Sicherstellung im Sinne von systematischer Kontrolle oder Überwachung der praktischen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema Demenz ist somit nicht möglich.

Die betroffenen Institutionen und Initiativen, die demente Menschen betreuen und versorgen, müssen ihren Beschäftigten in Aus-, Fort- und Weiterbildung aktuelle Forschungsergebnisse vermitteln und somit der Praxis geschulte Multiplikatoren zur Verfügung stellen. Ein höherer Grad der Sicherstellung des Wissenstransfers wäre mit diesem Ansatz nur durch die Verpflichtung zur Fortbildung von Medizinern und Pflegefachkräften zu erreichen.

3. Wie bewertet der Senat Bestrebungen insbesondere von Angehörigen, für Demenzerkrankte, die in ihren Familien nicht betreut werden können, jedoch keiner stationären Behandlung bedürfen, betreute Wohngruppen einzurichten? Gibt es im Land Bremen entsprechende Initiativen und wie werden sie ggf. unterstützt?

Haus- und Wohngemeinschaften können eine geeignete alternative Versorgungsform außerhalb der üblichen stationären Versorgung sein. Dies gilt insbesondere für Personen mit leichten bis mittelschweren Demenzerkrankungen sowie geringer Pflegebedürftigkeit. Kleinräumige Betreuungsformen begünstigen die an der Normalität des Alltags orientierte Organisation des Tagesablaufs und fördern daher den Erhalt von Autonomie und Kompetenz. Zudem bestehen günstige Bedingungen für die Einbindung Angehöriger und Freiwilliger.

Vor allem in Berlin wurden entsprechende Haus- und Wohngemeinschaften gegründet. Gegenwärtig werden in Bremen vier ambulante Wohngruppen für Demenzerkrankte geplant und vorbereitet. Hierbei handelt es sich um zwei Wohngruppen in dem Stiftungsdorf Alte Feuerwache, das in Gröpelingen durch die Bremer Heimstiftung gebaut und voraussichtlich zum Herbst 2003 fertiggestellt wird. Zudem bestehen konkrete Vorbereitungen für den Umbau eines Hauses in Hemelingen, der realisiert werden soll, sobald die beantragten Drittmittel zugesagt werden. Hier ist ein Verbund mit einem Heim vorgesehen, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Darüber hinaus plant der Verein Die Woge eine Hausgemeinschaft für dementiell erkrankte Bewohner in einem zu renovierendem Haus in Schwachhausen. Diese Initiative wird vor allem durch Angehörige getragen.

Die aufgezeigten Projekte werden voraussichtlich im Jahre 2003 oder 2004 ihre Arbeit aufnehmen.

Der Aufbau von Wohngruppen für Demenzkranke wurde bisher durch konzeptionelle Beratung sowie bei der Einwerbung von Drittmitteln unterstützt. Darüber hinaus besteht durch die Ergänzung des Pflegeversicherungsgesetzes eine Fördermöglichkeit für die Dauer von fünf Jahren beim Aufbau und der Umsetzung innovativer Ansätze in der Pflege. Dieses Programm zielt auf die Erprobung neuer Wohnkonzepte für Pflegebedürftige (§ 8 Abs. 3 SGB XI) und die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen insbesondere für die große Gruppe der Demenzerkrankten (§ 45 c SGB XI). Hierbei geht es z. B. um die Entwicklung neuer Wohnformen außerhalb der stationären Pflege. Die Pflegeversicherung beteiligt sich bundesweit mit jährlich 25 Mio.?, sofern die Länder entsprechende Komplementärmittel bereitstellen.

Ein wichtiger ergänzender Aufgabenbereich wird die Begleitung und Evaluation der Wohngemeinschaften sein, um dann aus den Erkenntnissen Rückschlüsse für weitere Planungen zu ziehen.

4. Gibt es Überlegungen, psychiatrische Tageskliniken für Demenzkranke mit spezifischen Behandlungsangeboten auszubauen, und wenn ja, wie kann eine noch bessere Abstimmung der medizinischen Angebote mit denen der Altenhilfe erreicht werden?

Es gibt derzeit Überlegungen des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost, eine Memory-Clinic aufzubauen. Ein erstes Konzept ist in der Entwicklung. Diese Einrichtung soll nach den Vorstellungen des ZKH Bremen-Ost zur umfassenden Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit demenziellen Erkrankungen dienen und als spezialisierte Tagesklinik organisiert werden. Dabei würde das ZKH Bremen-Ost die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten und bestehenden Einrichtungen zur Versorgung demenziell erkrankter Patientinnen und Patienten anstreben. Das beträfe dann auch entsprechende Einrichtungen der Altenhilfe.

Das ZKH Bremen-Ost strebt mit der Memory-Clinic darüber hinaus die Zusammenarbeit mit ambulanten, stationären und teilstationären Einrichtungen wie der geriatrischen Tagesklinik, der gerontopsychiatrischen Tagesklinik sowie der psychiatrischen Institutsambulanz zur Weiterbehandlung Demenzkranker an.

Gegenwärtig werden im Sinne eines Probelaufs in Einzelfällen Demenzkranke in der geriatrischen Tagesklinik des ZKH Bremen-Ost behandelt, und soweit erforderlich, interdisziplinär, das bedeutet auch in der psychiatrischen Tagesklinik, mitbetreut.

5. Mit welchen baulichen Möglichkeiten wird dem Bewegungsdrang in den Einrichtungen für Demenzkranke bei Neubauten Rechnung getragen?

Auf Demenzkranke wirkt das gesamte Milieu. Neben der sozialen Umgebung sind bauliche Bedingungen zu beachten. Hierbei ist z. B. die Zimmergröße zu nennen, die unübersichtliche Enge vermeiden sollte. Auch innerhalb der allgemein zugänglichen Räume und Flure von Pflegeeinrichtungen und bei der Bemessung von Außenanlagen wie Terrasse und Garten ist dem Bewegungsdrang der Bewohner Rechnung zu tragen.

Neubauten, die nach dem Bremischen Ausführungsgesetz zum Pflegeversicherungsgesetz gefördert werden, sehen für Einzelzimmer eine Zimmergröße von 16 m² vor und gehen damit über die baulichen Anforderungen der Heimmindestbauverordnung hinaus. Zudem ist bei Neubauten der Anteil der Einzelzimmer und damit die Differenzierungsmöglichkeit innerhalb der Einrichtungen deutlich verbessert worden.

Bei einigen Pflegeeinrichtungen wie z. B. dem Lotte-Lemke-Haus in Bremerhaven oder dem Stiftungsdorf Hollergrund in Bremen, sowie bei der Heimstätte Ohlenhof sind Sinnes- oder Laufgärten eingerichtet worden, die sowohl dem Bewegungsdrang Rechnung tragen als auch Betätigungsmöglichkeiten eröffnen.

Die zusätzlichen Aufwendungen für die Herrichtung von Sinnesgärten aber auch anderer baulicher Maßnahmen wie Snoezelen-Räume, die insbesondere den Demenzkranken dienen, sind überwiegend durch die Einwerbung von Drittmitteln aufgebracht worden. Die in engen Grenzen gewährte Investitionsförderung bietet hierfür keine ausreichende Grundlage.

6. Inwieweit sieht der Senat Möglichkeiten, in den Stadtteilen zwischen den verschiedenen Trägern Vernetzungen anzuregen, um die Versorgung der Erkrankten besser zu gewährleisten?

In Bremen bestehen bereits trägerübergreifende Initiativen, die sich für die Verbesserung der Versorgung Demenzkranker einsetzen. Hierzu zählt das forum demenz, dessen Zielsetzung und Arbeitsweise bereits in der Antwort zur Großen Anfrage vom 27. April 2001 dargestellt wurde.