Strukturellen Unterrichtsausfall und Lehrermangel an den berufsbildenden Schulen beseitigen ­ für eine Qualitätsoffensive in der beruflichen Bildung im Saarland

Der Landtag wolle beschließen:

Die aktuellen Bildungsberichte 2008 ­ der zweite nationale Bildungsbericht sowie der Berufsbildungsbericht 2008 ­ dokumentieren Symptombekämpfung statt Ursachenforschung betreffend die Misere der deutschen Berufsbildungspolitik. Der europäische Vergleich weist nach, dass in Deutschland die soziale Bildungsbenachteiligung am höchsten ist. Ausleseprinzip und fehlende Durchlässigkeit im Bildungswesen wirken sich auch auf die berufliche Bildung äußerst nachteilig aus. Die gegenwärtige sog. Bildungsarmut mit 15 Prozent ungelernten Kräften im Alter zwischen 20 und 29 im Jahr 2007 ist in sozialer und ökonomischer Hinsicht gravierend. Die betriebliche Ausbildungsquote ist immer noch zu gering ­ jugendlichen Schulabgängerinnen und ­ abgängern steht ein unzureichendes Lehrstellenangebot zur Verfügung, so dass der Aufenthalt in sog. schulischen Warteschleifen verlängert wird.

Darüber hinaus bemängelt eine aktuelle Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zu Recht die ineffektive Ausbildungsförderung benachteiligter Jugendlicher als Ursache für viele Armutsprobleme: in einem Schulsystem, das zu viele Jugendliche mit Kompetenzen auf Grundschulniveau zurücklässt, in einem Ausbildungssystem, das diese Jugendlichen nicht integriert und in einem Warteschleifensystem, das hunderttausende Jugendliche für vier bis sechs Milliarden Euro jährlich ohne wirkliche Perspektive „parkt".

Das Problem der Lernbeeinträchtigten und Benachteiligten in den beruflichen Schulen ist weiterhin nicht gelöst. Eine außerbetriebliche Ausbildung als Alternative zur klassischen dualen Ausbildung ist heute für viele Jugendliche bereits Realität. Entscheidend muss jedoch sein, dass diese Ausbildungsangebote nicht zu Abstellgleisen für benachteiligte Jugendliche werden ­ zur Vermeidung von Stigmatisierung und schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt. Die Ausweitung der Schulsozialarbeit an den berufsbildenden Schulen ist daher wesentliche Voraussetzung für die Eingliederung „benachteiligter" Jugendlicher in das Berufsleben. Die sog. „Benachteiligtenförderung" muss als dauerhafte reguläre Aufgabe im Bildungssystem verankert werden.

Auch im Saarland verlassen immer noch mindestens acht Prozent der jungen Menschen eines Jahrgangs jeweils die Schule ohne Schulabschluss. Jede bzw. jeder siebte, der die Schule beendet, ist nicht oder nur bedingt ausbildungsfähig ­ ein alarmierender Mangel an Ausbildungsreife bei vielen Jugendlichen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Situation an den saarländischen beruflichen Schulen durch strukturellen Lehrermangel verbunden mit massivem Unterrichtsausfall gekennzeichnet ist. Dabei muss duale Berufsausbildung nicht nur Qualifizierung, sondern auch die Vermittlung von allgemeinen Bildungszielen beinhalten; die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung sollte angestrebt werden ­ ein Ziel, wovon das Saarland derzeit aufgrund mangelnder Investitionen in die berufliche Bildung weit entfernt ist.

Die beruflichen Schulen im Saarland müssen einen Unterrichtsausfall - vor allem in den allgemeinbildenden Fächern, in Fremdsprachen, Religion und Sport - von wöchentlich 1.800 Unterrichtsstunden verkraften, weil die Schülerzahl seit Jahren um drei bis vier Prozent ansteigt und keine zusätzlichen Stellen geschaffen wurden. Die Zunahme der Schülerzahlen an beruflichen Schulen ist einschließlich des doppelten AbiturJahrganges im kommenden Jahr bis 2015 prognostiziert.

Zur Lösung der Probleme im Bereich der beruflichen Bildung im Saarland fordert der Landtag die Landesregierung u. a. zu folgendem Sofortprogramm auf:

· die Schaffung von mindestens 80 zusätzlichen Lehrerstellen an den beruflichen Schulen des Saarlandes zur Deckung des Lehrkräftebedarfs;

· Verbesserung der Beförderungsperspektiven für Lehrerinnen und Lehrer an berufsbilden Schulen, um dem Trend der Abwanderung qualifizierter Lehrkräfte entgegenzuwirken;

· Initiativen zur Aufwertung des Lehramtsstudiums an beruflichen Schulen zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs für junge Menschen, insbesondere vor dem Hintergrund der Altersstruktur der Lehrkräfte;

· Stärkere Verzahnung von dualem und allgemeinem Bildungssystems durch eine Erhöhung der Durchlässigkeit im Rahmen einer stärkeren Kooperation zwischen Gymnasien und beruflichen Schulen, auch im Hinblick auf eine nachhaltige Personalplanung;

· Vermeidung von Unterrichtsausfall und -kürzung zu Lasten des Bewegungsfaches Sport zur Sicherstellung eines regelmäßigen Sportunterrichts, um Schülerinnen und Schülern an beruflichen Schulen die Bedeutung von Sport und Bewegung vor dem Schritt ins Berufsleben nahe zu bringen;

· Auflage spezieller Sprachförderprogramme für Berufsschülerinnen und -schüler mit Migrationshintergrund;

· Ausbau der Schulsozialarbeit an beruflichen Schulen zur Unterstützung der Integration benachteiligter Jugendlicher ins Berufsleben;

· Sicherung eines ausreichenden Angebots an Ausbildungsplätzen durch Ausbildungsverbünde und außerbetriebliche Ausbildungsstätten bei Trägern und berufsbildenden Schulen als Ergänzung des dualen Systems;

· Stärkung lokaler Kompetenzen und Spielräume zur individuellen Förderung und Begleitung Jugendlicher und Arbeitssuchender;

· Minimierung der Kostenpflicht für schulische Ausbildungsgänge, insbesondere für Frauen in den Berufen des Gesundheitswesens.