Mehr Perspektiven für junge Menschen ­ berufliche Bildung im Saarland endlich verbessern

Solide berufliche Qualifikation ist nicht nur die Grundlage, gute Arbeit zu verrichten ­ sie ist zugleich auch wichtige Voraussetzung für ein selbst bestimmtes Leben, für demokratisches und kritisches Engagement in der Gesellschaft. Die technologische Entwicklung, weithin ein tiefgreifender Strukturwandel, die weitere Dynamisierung der Arbeitswelt sowie die demographische Entwicklung stellen hohe Anforderungen an Berufsvorbereitung, Berufsorientierung, berufliche Ausbildung und berufliche Fort- und Weiterbildung.

Dem gegenüber steht eine gegenwärtige so genannte Bildungsarmut, die mit 15 Prozent ungelernten Kräften im Alter zwischen 20 und 29 im Jahr 2007 in sozialer und ökonomischer Hinsicht gravierend ist. Der Paritätische Wohlfahrtsverband bemängelt darüber hinaus zu Recht die ineffektive Ausbildungsförderung benachteiligter Jugendlicher als Ursache für viele Armutsprobleme: in einem Schulsystem, das zu viele Jugendliche mit Kompetenzen auf Grundschulniveau zurücklässt, in einem Ausbildungssystem, das diese Jugendlichen nicht integriert und in einem Warteschleifensystem, das hunderttausende Jugendliche für vier bis sechs Milliarden Euro jährlich ohne wirkliche Perspektive „parkt".

Insbesondere spielt die Misere im saarländischen Schulsystem eine entscheidende Rolle: im Saarland verlassen immer noch mindestens acht Prozent der jungen Menschen eines Jahrgangs jeweils die Schule ohne Schulabschluss. Jede bzw. jeder siebte, der die Schule beendet, ist nicht oder nur bedingt ausbildungsfähig ­ ein alarmierender Mangel an Ausbildungsreife bei vielen Jugendlichen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Situation an den saarländischen beruflichen Schulen durch strukturellen Lehrermangel verbunden mit massivem Unterrichtsausfall gekennzeichnet ist. Dabei muss duale Berufsausbildung nicht nur Qualifizierung, sondern auch die Vermittlung von allgemeinen Bildungszielen beinhalten; die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung sollte angestrebt werden ­ ein Ziel, wovon das Saarland derzeit aufgrund mangelnder Investitionen in die berufliche Bildung weit entfernt ist.

Die beruflichen Schulen im Saarland müssen einen Unterrichtsausfall - vor allem in den allgemeinbildenden Fächern, in Fremdsprachen, Religion und Sport - von wöchentlich 1.800 Unterrichtsstunden verkraften, weil die Schülerzahl seit Jahren um drei bis vier Prozent ansteigt und keine zusätzlichen Stellen geschaffen wurden. Die Zunahme der Schülerzahlen an beruflichen Schulen ist einschließlich des doppelten AbiturJahrganges im kommenden Jahr bis 2015 prognostiziert.

Das Problem der Lernbeeinträchtigten und Benachteiligten in den beruflichen Schulen ist ebenfalls nicht gelöst. Die Ausweitung der Schulsozialarbeit an den berufsbildenden Schulen ist daher wesentliche Voraussetzung für die Eingliederung „benachteiligter" Jugendlicher in das Berufsleben. Die sog. „Benachteiligtenförderung" muss als dauerhafte reguläre Aufgabe im Bildungssystem verankert werden.

Im Hinblick auf diese Herausforderungen fordert der Landtag die Landesregierung u. a. zu folgenden Sofortmaßnahmen auf:

· Schaffung von mindestens 80 zusätzlichen Lehrerstellen an den beruflichen Schulen des Saarlandes zur Deckung des Lehrkräftebedarfs;

· Gewährleistung von mindestens 40 zusätzlichen Seminarstellen zur Ausbildung der Lehrkräfte an beruflichen Schulen;

· Verbesserung der Beförderungsperspektiven für Lehrerinnen und Lehrer an berufsbildenden Schulen, um dem Trend der Abwanderung qualifizierter Lehrkräfte entgegenzuwirken;

· Initiativen zur Aufwertung des Lehramtsstudiums an beruflichen Schulen zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs für junge Menschen, insbesondere vor dem Hintergrund der Altersstruktur der Lehrkräfte;

· Stärkere Verzahnung von dualem und allgemeinem Bildungssystems durch eine Erhöhung der Durchlässigkeit im Rahmen einer stärkeren Kooperation zwischen Gymnasien und beruflichen Schulen, auch im Hinblick auf eine nachhaltige Personalplanung;

· Vermeidung von Unterrichtsausfall und -kürzung zu Lasten des Bewegungsfaches Sport zur Sicherstellung eines regelmäßigen Sportunterrichts, um Schülerinnen und Schülern an beruflichen Schulen die Bedeutung von Sport und Bewegung vor dem Schritt ins Berufsleben nahe zu bringen;

· Auflage spezieller Sprachförderprogramme für Berufsschülerinnen und -schüler mit Migrationshintergrund;

· Ausbau der Schulsozialarbeit an beruflichen Schulen zur Unterstützung der Integration benachteiligter Jugendlicher ins Berufsleben;

· Sicherung eines ausreichenden Angebots an Ausbildungsplätzen durch Ausbildungsverbünde und außerbetriebliche Ausbildungsstätten bei Trägern und berufsbildenden Schulen als Ergänzung des dualen Systems;

· Stärkung lokaler Kompetenzen und Spielräume zur individuellen Förderung und Begleitung Jugendlicher und Arbeitssuchender;

· Minimierung der Kostenpflicht für schulische Ausbildungsgänge, insbesondere für Frauen in den Berufen des Gesundheitswesens.