Erziehung

Landtag des Saarlandes - 13. Wahlperiode - 6 2.2 Formen der Kindeswohlgefährdung Vernachlässigung bezeichnet generell das gesamte Spektrum bedeutsamer Unterlassungen. In diesem Sinne definieren Schoene, Gintzel, Jordan, Kalscheuer & Münder (1997, S. 21) Kindesvernachlässigung als „andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns sorgeverantwortlicher Personen (Eltern oder andere von ihnen autorisierte Betreuungspersonen), welches zur Sicherstellung der physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre. Diese Unterlassung kann aktiv oder passiv (unbewusst) aufgrund unzureichender Einsicht oder unzureichenden Wissens erfolgen. Die durch Vernachlässigung bewirkte chronische Unterversorgung des Kindes durch die nachhaltige Nichtberücksichtigung, Missachtung oder Versagung seiner Lebensbedürfnisse hemmt, beeinträchtigt oder schädigt seine körperliche, geistige und seelische Entwicklung und kann zu gravierenden bleibenden Schäden oder gar zum Tode des Kindes führen".

Es wird zwischen folgenden Formen der Vernachlässigung unterschieden (Kindler 2006a, Kap. 3, S. 1):

· körperliche Vernachlässigung (z.B. unzureichende Versorgung mit Nahrung, Flüssigkeit, sauberer Kleidung, Hygiene, Wohnraum und medizinischer Versorgung);

· kognitive und erzieherische Vernachlässigung (z.B. Mangel an Konversation, Spiel und anregenden Erfahrungen, fehlende erzieherische Einflussnahme auf unregelmäßigen Schulbesuch, Delinquenz oder Suchtmittelgebrauch des Kindes, fehlende Beachtung eines besonderen und erheblichen Erziehungs- oder Förderbedarfs),

· emotionale Vernachlässigung (z.B. Mangel an Wärme in der Beziehung zum Kind, fehlende Reaktion auf emotionale Signale des Kindes) und

· unzureichende Beaufsichtigung (z.B. Kind bleibt längere Zeit alleine und auf sich gestellt, keine Reaktion auf eine längere unangekündigte Abwesenheit des Kindes).

Eine weitere Form der Kindeswohlgefährdung ist die Kindesmisshandlung. Unterschieden wird zwischen psychischer und physischer Misshandlung. Zu physischer oder körperlicher Kindesmisshandlung gehören „alle Handlungen von Eltern oder anderen Bezugspersonen, die durch Anwendung von körperlichem Zwang bzw. Gewalt... vorhersehbar zu erheblichen physischen oder psychischen Beeinträchtigungen des Kindes und seiner Entwicklung führen oder vorhersehbar ein hohes Risiko solcher Folgen bergen" (Kindler 2006b, Kap. 5, S. 2). Deegener (2005, S. 37) führt beispielhaft verschiedene Formen der körperlichen Misshandlung auf: Ohrfeigen; Schlagen mit Händen, Stöcken oder Peitschen; Stoßen von der Treppe; Schleudern gegen die Wand; Schütteln eines Kleinstkindes; Verbrennen mit heißem Wasser oder Zigaretten; auf den Ofen setzen; Einklemmen in Türen oder Autofensterscheiben; Pieksen mit Nadeln; ins kalte Badewasser tauchen und untertauchen; eigenen Kot essen und Urin trinken; Würgen; Vergiftungen, etc.

Psychische Misshandlung kann beschrieben werden als „wiederholte Verhaltensmuster der Betreuungsperson oder Muster extremer Vorfälle, die Kindern zu verstehen geben, sie seien wertlos, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt, sehr in Gefahr oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen" (American Professional Society on Abuse of Children (APSAC), 1995, S. 2; zitiert nach Kindler 2006c, Kap. 4, S. 1). Es lassen sich fünf Unterformen nennen, die einzeln oder in Kombination auftreten können und als psychische Misshandlung angesehen werden müssen, wenn sie die Beziehung eines Elternteils zum Kind kennzeichnen (Kindler 2006c, Kap. 4, S. 1): feindselige Ablehnung (z.B. ständiges Herabsetzen, Beschämen, Kritisieren oder Demütigen eines Kindes); Ausnutzen und Korrumpieren (z.B. Kind wird zu einem selbstzerstörerischen oder strafbaren Verhalten angehalten oder gezwungen bzw. ein solches Verhalten des Kindes wird widerstandslos zugelassen); Terrorisieren (z.B. Kind wird durch ständige Drohung in einem Zustand der Angst gehalten); Isolieren (z.B. Kind wird in ausgeprägter Form von altersentsprechenden sozialen Kontakten fern gehalten); Verweigerung emotionaler Responsivität (z.B. Signale des Kindes und seine Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung werden anhaltend und in ausgeprägter Form übersehen und nicht beantwortet).

Auch der sexuelle Missbrauch stellt eine Form von Kindeswohlgefährdung dar. Die Definitionen des Begriffs „Sexueller Missbrauch" unterscheiden sich - wie im Übrigen auch die anderen Formen der Kindeswohlgefährdung - je nach Anwendungsbereich und -kontext. Enge Definitionen von sexuellem Missbrauch sind zwar klar und eindeutig, sie erfassen jedoch nicht alle Verhaltensweisen, die schädigende Auswirkungen auf das Kind haben. Daher werden insbesondere in der Jugendhilfe überwiegend weite Definitionen von sexuellem Missbrauch verwendet: „Sexueller Missbrauch ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen" (Bange & Deegener, 1996, S. 105). Bange & Deegener (1996, S. 135) unterscheiden im Rahmen empirischer Untersuchungen zusätzlich nach folgenden Intensitätsgraden:

· leichte Formen sexuellen Missbrauchs (ohne Körperkontakt): Exhibitionismus, anzügliche Bemerkungen, das Kind (gegen seinen Willen) beim Baden oder Anziehen beobachten, ihm Pornos zeigen;

· Wenig intensive Missbrauchshandlungen: Versuche, die Genitalien des Kindes anzufassen, Berühren der Brust, sexualisierte Küsse;

· Intensiver Missbrauch: Berühren oder Vorzeigen der Genitalien, Kind muss vor dem Erwachsenen masturbieren oder Täter masturbiert vor dem Kind;

· Sehr intensiver Missbrauch: versuchte oder vollzogene orale, anale oder vaginale Vergewaltigung.

Im Mittelpunkt des dritten Kinder- und Jugendberichtes stehen gemäß dem Auftrag der Saarländischen Landesregierung - und sicherlich auch im Sinne der öffentlichen Wahrnehmung der Problematik von Gewalt gegen Kinder - die Begriffe Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch (vgl. Abbildung 1). Mit Blick auf die hier vorgenommene Definition dieser Phänomene als Formen der Kindeswohlgefährdung muss allerdings deutlich herausgestellt werden, dass es noch weitere Formen der Gefährdung von Kindern und Jugendlichen gibt. Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch decken jedoch einen Großteil der Kindeswohlgefährdungen ab (vgl. z. B. Münder, Mutke & Schone, 2000, 45ff.). Sie stehen daher im Folgenden im Fokus der Berichterstattung, punktuell wird jedoch auch auf andere Formen der Kindeswohlgefährdung Bezug genommen (vgl. vor allem Kapitel 5).

Drucksache 13/2199 Landtag des Saarlandes - 13. Daher werden die im Saarland vorhandenen Bemühungen beschrieben und - soweit derzeit möglich - einer ersten Bewertung unterzogen.