Drittel der Inobhutnahmen vor dem Hintergrund akuter Gefährdungslagen durchgeführt werden mussten

So haben die saarländischen Jugendämter im letzten Jahr 74 junge Menschen mehr in Obhut genommen als in 2006. Das Statistische Landesamt weist in einer Pressemeldung ausdrücklich darauf hin, dass der starke Anstieg um fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr dies ist der höchste Wert in den letzten 10 Jahren - auch durch die bundesweit bekannt gewordenen Fälle von Kindesmisshandlungen und die damit einher gehende verstärkte Sensibilität in der Öffentlichkeit begründet sein könnte (vgl. Statistisches Amt Saarland 2008a).

Seit 1998 hat sich bei den Inobhutnahmen der Anteil der Mädchen von 54 auf 58 Prozent erhöht. Bis auf das Jahr 1999 wurden dabei mehr Mädchen im Saarland in Obhut genommen als Jungen. Der Anteil ausländischer Kinder und Jugendlicher ist in diesem Zeitraum zurückgegangen. Er lag bis zum Jahr 2005 nahezu konstant bei rund 20 Prozent (Bost, 2006, 25f.) und ist im Jahr 2007 auf einen Anteil von 12,8 Prozent gesunken (vgl. Statistisches Amt Saarland, 2008). Die größte Altersgruppe stellen dabei die 14 bis 18-Jährigen. Ihr Anteil ist im Vergleich zu 1998 konstant geblieben und liegt derzeit bei 47,4 Prozent. Dies sind allerdings rund 26 Prozent weniger Jugendliche dieser Altergruppe gegenüber dem Jahr 2006.

Bei den Inobhutnahmen wird zwischen der „Inobhutnahme auf eigenen Wunsch" und der „Inobhutnahme wegen Gefährdung" unterschieden. Das quantitative Verhältnis dieser beiden Varianten hat sich im Saarland seit Mitte der 1990er Jahre als vergleichsweise konstant erwiesen. Rund ein Drittel der innerhalb eines Jahres durchgeführten Kriseninterventionen dieser Art sind auf Wunsch des Minderjährigen selbst zustande gekommen, während ca. zwei Drittel der Inobhutnahmen vor dem Hintergrund akuter Gefährdungslagen durchgeführt werden mussten. Zwischen 1998 und 2007 hat sich der Anteil der Inobhutnahmen wegen Gefährdung leicht von 65 auf 68 Prozent erhöht. Abbildung 3 zeigt ausgewählte Anlässe der Inobhutnahmen im Saarland seit 1998. Vernachlässigung Misshandlung sexueller Missbrauch Überforderung der Eltern Beziehungsprobleme Quelle: Statistisches Bundesamt Überforderung der Eltern sowie Beziehungsprobleme stellen die häufigsten Ursachen für Inobhutnahmen dar. Im Vergleich zu den anderen in diesem Kapitel aufgeführten - eher niedrigschwellig und präventiv orientierten - Hilfearten des SGB VIII liegt jedoch der Anteil von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch bei den Inobhutnahmen als Maßnahme mit eindeutigem Schutzcharakter zum Teil deutlich höher. Von Ausnahmen etwa in den Jahren 2005 und 2006 - abgesehen kommt dabei Vernachlässigung häufiger vor als Misshandlung und sexueller Missbrauch.

Mit Blick auf die Zahlen der Kinder- und Jugendhilfestatistik kann darüber hinaus festgestellt werden, dass seit 1998 im Saarland von Ausnahmen abgesehen stets eine der hier näher betrachteten Formen der Kindeswohlgefährdung (Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch) zu den drei häufigsten Anlässen für eine Inobhutnahme gehörte.

Die Herausnahme eines Kindes nach § 43 SGB VIII spielt im Saarland - wie auch in anderen Bundesländern - statistisch gesehen eine sehr geringe Rolle. Seit 1998 sind im Saarland insgesamt lediglich vier Kinder aus Tagespflegestellen herausgenommen worden, drei davon aufgrund von Anzeichen für Vernachlässigung und ein Kind aus sonstigem Anlass. Seit 2001 ist diese Schutzmaßnahme im Saarland nicht mehr ergriffen worden.

Entzug des Sorgerechtes

Es ist eine der grundlegenden Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen. Die Jugendämter sind u.a. nach § 8a SGB VIII gesetzlich dazu verpflichtet, zur Abwendung von entsprechenden Gefahren für das Kindeswohl das Familiengericht einzuschalten, um gegebenenfalls einen vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge zu erreichen.

Nicht berücksichtigt ist dabei die Kategorie „Sonstiges". Dieser Anlass wird im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfestatistik bei allen hier aufgeführten Hilfen sehr häufig verwendet. Dies ist ein Grund, warum Kritiker die Aussagekraft dieser Statistik grundsätzlich anzweifeln (vgl. Rauschenbach & Schilling 1997).

Im Saarland hat sich seit 1998 die Zahl der gerichtlichen Maßnahmen zum vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge von 127 auf 163, also um 28 Prozent erhöht. In den letzten Jahren ist im Saarland das Verhältnis von Anzeigen zum Entzug der elterlichen Sorge zu tatsächlichen gerichtlichen Maßnahmen deutlich gesunken. Während 2002 noch 94 Prozent aller Anzeigen zu einem vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge führten, liegt dieser Wert im Jahr 2007 bei 76 Prozent.

Die amtliche Statistik macht keine Angaben dazu, inwieweit Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch ursächlich sind für die Anrufung des Familiengerichts. Weitere Annäherungen zu dieser Frage liefert eine Befragung von 16 bundesdeutschen Jugendämtern unterschiedlicher Größe und Struktur zu Fällen, in denen die Anrufung des Familiengerichts erforderlich war (Münder, Mutke & Schoene 2000). Dabei nennen Fachkräfte der Jugendämter bei der Anrufung des Gerichts in fast zwei Drittel (65,1%) aller Fälle Kindesvernachlässigung als eines der Gefährdungsmerkmale. Seelische Misshandlung wird in 38,8 Prozent der Fälle genannt. Körperliche Misshandlung und Erwachsenen-Konflikte ums Kind werden jeweils in 23,6 Prozent der Fälle als eine Gefährdungslage genannt. In 16,7 Prozent der Fälle ist sexueller Missbrauch eine Gefährdungskategorie, in 12,9 Prozent Autonomiekonflikte. Sonstige Gefährdungslagen wurden in 23,3 Prozent der Fälle konstatiert (Münder, Mutke & Schoene, 2000, S. 99).

In Tabelle 3 sind die Hauptgefährdungsursachen sowie das Geschlecht der Kinder und Jugendlichen aufgeführt.

Die Abbildung zeigt, dass Vernachlässigung in jedem zweiten Fall (50 Prozent) als zentrale Gefährdungskategorie angesehen wird. Seelische Misshandlung stellt mit 12,6 Prozent die am zweithäufigsten genannte zentrale Gefährdungskategorie dar. Bei der geschlechtsspezifischen Betrachtung fällt auf, dass Jungen stärker von Vernachlässigung und körperlicher Misshandlung und Mädchen häufiger von sexuellem Missbrauch und seelischer Misshandlung betroffen sind.

Vor allem das Merkmal Vernachlässigung zeigt nach Münder, Mutke & Schoene (2000, S. 101f.) altersspezifische Ausprägungen. Besonders überrepräsentiert sind Säuglinge und Kleinkinder der Altersspanne von null bis drei Jahren. Bei dieser Altersgruppe wird in 70,9 Prozent der Fälle Vernachlässigung als Hauptgefährdungsmerkmal angegeben. Dieser Anteil sinkt bei steigendem Alter der Minderjährigen und beträgt bei den 15- bis 18-Jährigen nur noch 15,4 Prozent. Auch die seelische Misshandlung hat einen spezifischen Alterseffekt.

Hier liegt der Anteil der betroffenen unter sechsjährigen Kinder bei 6,6 Prozent. Er nimmt mit steigendem Alter der Kinder kontinuierlich zu. Bei den 12- bis unter 18-Jährigen wird seelische Misshandlung in 20 Prozent der Fälle von den Fachkräften als Hauptgefährdungsmerkmal benannt.

Dabei waren Mehrfachnennungen möglich. Die Kategorien wurden von Münder und Mitarbeitenden vorgegeben. Dies ist auch bei den nachfolgend aufgeführten Ergebnissen zu beachten.