Risikofaktoren für die Entstehung von Kindeswohlgefährdung

Im Verlauf der letzten 30 Jahre ist in der wissenschaftlichen Forschung ein solider Grundstock an gesicherten Erkenntnissen über Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdungen gesammelt worden. Im Folgenden stellen wir Risikofaktoren vor, die sich auf Merkmale der Eltern, des Kindes und des sozialen Umfeldes beziehen (vgl. dazu vor allem Bender & Lösel, 2005 sowie Reinhold & Kindler, 2006a, 2006b).

Merkmale der Eltern:

In Fällen von Kindeswohlgefährdung gibt ein hoher Anteil beteiligter Elternteile an, in der eigenen Kindheit misshandelt, vernachlässigt oder sexuell missbraucht worden zu sein. Zwar gibt der größere Teil der Eltern die erfahrene Gewalt nicht an die eigenen Kinder weiter.

Dennoch erhöht die eigene Viktimisierung das Risiko, zu einem späteren Zeitpunkt selbst zum Täter oder zur Täterin zu werden (Bender & Lösel, S. 85; Münder, Mutke & Schoene, 2000, S. 95; Wetzels, 1997, S. 218ff.).

Auch Persönlichkeitsmerkmale der Eltern stellen - eher moderat aussagekräftige - Risikofaktoren dar (Reinhold & Kindler, 2006a, Kap. 18, S. 2). Dazu zählen etwa eine ausgeprägt negative Emotionalität (leichte Auslösbarkeit intensiver negativer Gefühle), eine hohe Impulsivität sowie eine deutliche Neigung zu einem vermeidenden Bewältigungsstil im Umgang mit Problemen und eine geringe Planungsfähigkeit.

Eltern die ihre Kinder vernachlässigen, misshandeln oder missbrauchen unterscheiden sich deutlich von anderen Eltern im Hinblick auf spezifische Überzeugungen, Erwartungen und Attributionsstile (Bender & Lösel, 2005, S. 93). Dazu zählen die Befürwortung von körperlicher Bestrafung als Erziehungsmittel, geringe erzieherische Kontrollüberzeugungen, unrealistische und negative Erwartungen an ihre Kinder sowie geringere Kenntnis von kindlichen Entwicklungsnormen.

Gerade neuere Studien verweisen relativ konsistent darauf, dass auch psychische Erkrankungen von Eltern das Kindeswohl gefährden. Zu diesen Erkrankungen zählen emotionale Verstimmungen, Depressivität, Ängstlichkeit und geringes Selbstwertgefühl (Bender & Lösel, 2005, S. 93). Auch das Suchtverhalten von Eltern muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden (vgl. Münder, Mutke & Schoene, 2000). Zahlreiche Studien belegen, dass die Eltern-Kind-Interaktion und das Erziehungsverhalten einen Risikofaktor darstellen können (Reinhold & Kindler, 2006a, Kap. 18, S. 4). Eltern, die ihre Kinder gefährden, zeigen im Umgang mit dem betroffenen Kind höhere Anteile an negativen, kritischen und kontrollierenden Verhaltensweisen, sie fallen gegenüber dem Kind eher durch ein distanziertes, wenig engagiertes und wenig responsives Verhalten auf, sie zeigen in Anleitungssituationen ein gereiztes Verhaltensmuster und weisen erhebliche Beeinträchtigungen in der Qualität eines emotional unterstützenden, feinfühligen und positiv fördernden elterlichen Verhaltens auf.

Viktimisierung ist ein Fachbegriff, der in der Kriminologie, der Psychologie und den Sozialwissenschaften verwendet wird. Wörtlich bedeutet er "zum Opfer machen" (von Englisch/Latein "Victim" = Opfer).

Merkmale des Kindes:

Aus den Darlegungen in Kapitel 4 lässt sich schließen, dass insbesondere Säuglinge und Kleinkinder Opfer von Misshandlungen und Vernachlässigungen werden. Allerdings wird in der Literatur ausdrücklich darauf verwiesen, dass diese Tendenz durch Befunde repräsentativer Befragungen nicht durchgängig bestätigt wird (Bender & Lösel, 2005, S. 94; Reinhold & Kindler, 2006b, Kap. 17, S. 2). So treten in diesen Studien körperliche und psychische Misshandlungen gehäuft im Kindergarten- und im frühen Jugendalter auf. Für den sexuellen Missbrauch lässt sich sagen, dass dieser einen deutlichen Altersgipfel im Grundschulalter und in der mittleren Kindheit hat.

Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass auch bestimmte Geburtsrisiken als Risikofaktoren anzusehen sind (Reinhold & Kindler, 2006b, Kap. 17, S. 4; Bender & Lösel, 2005, S. 95). In der Literatur werden insbesondere geringes Geburtsgewicht, kindliche Unreife durch Frühgeburt, angeborene geistige und körperliche Behinderungen sowie perinatale Komplikationen genannt. Es kann jedoch allenfalls von einer schwachen Erhöhung der Häufigkeit von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch bei vorhandenen Geburtsrisiken ausgegangen werden.

Schließlich deuten verschiedene Arten von Forschungsbefunden darauf hin, dass Kinder mit Regulations- und Verhaltensstörungen überdurchschnittlich häufig Kindeswohlgefährdungen erleben (Reinhold & Kindler, 2006b, Kap. 17, S. 4). Von den meisten Autoren werden die kindlichen Verhaltensprobleme als Folge unangemessenen elterlichen Erziehungsverhaltens interpretiert und den Eltern die wesentliche Rolle im Entstehungsprozess von Kindeswohlgefährdung zugeschrieben (Bender & Lösel, 2005, S. 96). Merkmale des sozialen Umfeldes Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Formen der Kindeswohlgefährdung überzufällig häufig in einem Milieu finden, das durch Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Deprivation gekennzeichnet ist. So treffen die Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) in Gefährdungsfällen häufig auf Familien, die mit lohnersetzenden Transfereinkommen auskommen müssen und in denen die betroffenen Kinder nicht mit beiden leiblichen Eltern zusammenleben (Münder, Mutke & Schoene, 2000, S, 87ff.). Gleichwohl wird in der Literatur herausgestellt, dass die überwiegende Mehrzahl der Kinder, die in derartigen Umständen aufwachsen, keine Kindeswohlgefährdung erfährt (Wetzels 1997, S. 149, Stöhr 1990, S. 33ff.).

Die vorliegenden Befunde weisen darauf hin, dass fehlende außerfamiliäre Unterstützung vor allem wenn die Eltern alleinerziehend sind oder mehrere Kinder in der Familie leben einen Risikofaktor für Kindeswohlgefährdung darstellt. Eltern, die ihre Kinder misshandeln, vernachlässigen oder sexuell missbrauchen, haben nach den vorliegenden Studien weniger Kontakte, erhalten weniger Hilfe von ihrer Familie und Nachbarschaft, sind sozial isolierter und weisen kleinere Netzwerke auf als andere Familien (Lösel & Bender, 2005, S. 97). Darüber hinaus weisen insbesondere Befunde aus den USA darauf hin, dass das Leben in Stadtteilen mit hoher Misshandlungsrate desorganisierter und deprivierter ist. In deutschen Großstädten lässt sich diese Tendenz mittlerweile ebenfalls verstärkt beobachten (Lösel & Bender, 2005, S. 97f.). Etwas vereinfacht lässt sich folgende Aussage formulieren (vgl. DKSBNRW & ISA, 2006, S. 31):

· Je geringer die finanziellen und materiellen Ressourcen (Armut, Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Obdachlosigkeit etc.) und

· je schwieriger die soziale Situation (soziale Isolation, Mangel an Hilfeangeboten, allein erziehend, viele Kinder, schwieriges Wohnumfeld, Schwellenängste gegenüber helfenden Instanzen etc.) und

· je desorganisierter die Familiensituation (Desintegration in der eigenen Familie, Trennung/Scheidung der Eltern etc.) und

· je belasteter und defizitärer die persönliche Situation der erziehenden Eltern (Mangelerfahrungen in der eigenen Kindheit, unerwünschte Schwangerschaft, mangelnde Leistungsfähigkeit, psychische und physische Überforderung, Behinderung der Eltern, Sucht etc.) und

· je herausfordernder die Situation und das Verhalten des Kindes (Behinderung des Kindes, Krankheitsanfälligkeit, schwieriges Sozialverhalten etc.) von den Eltern erlebt wird, desto höher ist das Risiko, dass sich eine Vernachlässigungs-, Misshandlungs- oder Missbrauchssituation für das Kind entwickelt.