Erziehung

Landtag des Saarlandes - 13. Wahlperiode - 39 Die erzieherischen Hilfen nach § 27 SGV III sollen gewährt werden, wenn die Grenze für eine Gefährdung des Kindeswohles noch nicht überschritten ist. Ihre Bedeutung für den Kinderschutz liegt also vor allem darin, dass sie die Verfestigung von nicht kindeswohlförderlichen Erziehungsbedingungen aufhalten (Galm u.a., 2006, S. 40). Erzieherischer und gesetzlicher Kinder- und Jugendschutz

Der erzieherische präventive Kinder- und Jugendschutz nach 14 SGB VIII ist ein wesentliches Aufgabenfeld der Jugendhilfe im Saarland. Kinder und Jugendliche sind vielfältigen, oft subtilen Gefährdungen ausgesetzt. Ziel aller Bemühungen des Kinder- und Jugendschutzes im Saarland ist es, junge Menschen zu befähigen, diese Gefährdungen selbst zu erkennen, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und sie zusammen mit anderen zu bewältigen.

Auch die Erziehungsberechtigten sollen dabei unterstützt werden, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden Einflüssen zu schützen. Zu den Zielgruppen zählen auch sog. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren (z.B. Lehrkräfte, Erzieher/-innen, Ausbilder/-innen) sowie die breite Öffentlichkeit.

Zu den oben genannten gefährdenden Einflüssen und damit zu den wesentlichen Themen des Kinder- und Jugendschutzes im Saarland zählt u. a. der Bereich Sexueller Missbrauch, Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung (vgl. dazu Kap. 6.1.1.). Themenschwerpunkte sind weiterhin: Sucht/Suchtprävention (Tabak, Alkohol, Medikamente, illegale Drogen, Ecstasy, Essstörungen); Medien, Jugendmedienschutz, Medienpädagogik; neue religiöse Bewegungen und Psychokulte; Gewalt und Aggression; Jugenddelinquenz; Gesundheitserziehung; Sexualpädagogik. Entsprechende Angebote werden von einer Reihe öffentlicher und freier Träger im Saarland vorgehalten (vgl. http://www.saarland.de/13764.htm). Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes leisten einen wichtigen Beitrag zum Kinderschutz im Saarland. Dies ist auch von den befragten Expertinnen und Experten besonders herausgestellt worden. Die Diskussion fokussiere sich derzeit - sicherlich aufgrund der besonderen Schwere auch mit Recht - auf die Problematik „Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch". Allerdings müssten auch die anderen oben genannten Aspekte des Kinder- und Jugendschutzes weiter im Blick behalten werden und in einem umfassenden Konzept des Kinderschutzes im Saarland Berücksichtigung finden. Exemplarisch werden hier von den Expertinnen und Experten vor allem die Themen „Suchtprävention" und „Gewalt in den Medien" genannt.

In diesem Zusammenhang ist auch der gesetzliche Jugendschutz16 zu nennen. Er richtet sich primär an Erwachsene, Gewerbetreibende und an Institutionen. Unter dem Motto „Jugendschutz - Wir halten uns daran" wird im Saarland im Rahmen einer Plakataktion versucht, in möglichst vielen gastronomischen Betrieben, Vereins- und Jugendheimen des Saarlandes einfach und transparent die aktuellen Jugendschutzbestimmungen zu transportieren. Der Bereich des gesetzlichen Jugendschutzes steht im Rahmen des Berichtes nicht weiter im Fokus. Es wird jedoch aus den wenigen Erklärungen bereits deutlich, dass auch in diesem Bereich eine gute Zusammenarbeit und eine entsprechende Sensibilisierung der Akteure nötig sind.

In der Bundesrepublik Deutschland gelten folgende Gesetze und Verordnungen: Jugendschutzgesetz, Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag), Gesetz zum Schutz der arbeitenden Jugend (Jugendarbeitsschutzgesetz) sowie die Verordnung über den Kinderarbeitsschutz (Kinderarbeitsschutzverordnung). Ergänzend dazu finden sich spezielle Jugendschutzbestimmungen im Strafgesetzbuch, im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Jugendgerichtsgesetz, im Gaststättengesetz, der Gewerbeordnung, in den Rundfunkgesetzen der Länder und im Staatsvertrag der Länder über den Rundfunk im vereinten Deutschland.

Angebote der Eltern- und Familienbildung Modellprojekt „Keiner fällt durchs Netz"

Das Thema Eltern- und Familienbildung nimmt im Landesprogramm „Frühe Hilfen" - und hier insbesondere im Modellprojekt „Keiner fällt durchs Netz" - eine zentrale Stellung ein (vgl. dazu auch Kapitel 6.2.1). Zur Vorbereitung und Begleitung von Eltern wird landesweit der Kurs „Das Baby verstehen" angeboten. Durch diesen Kurs (er besteht aus fünf Einheiten) sollen Eltern auf die Zeit nach der Geburt ihres Kindes vorbereitet und für die Signale des Säuglings sowie für die eigenen Wünsche und Gefühle sensibilisiert werden. Darüber hinaus ist in jüngster Zeit verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, dass bei manchen Familien bereits während der Schwangerschaft und nach der Geburt erkennbar ist, dass eine Reihe von Belastungsfaktoren die Wahrscheinlichkeit erzieherischer Überforderung der Eltern erhöhen und damit Kindeswohlgefährdungen wahrscheinlicher machen (vgl. z. B. Jugendministerkonferenz 2006; Jugend- und Familienministerkonferenz 2007). Daraus wird die Erkenntnis abgeleitet, dass ein wirksamer Kinderschutz möglichst frühzeitig im Erziehungsprozess ansetzen muss, um diesen nachhaltig beeinflussen zu können. Dazu wird ein enges Zusammenwirken von Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe bei Schwangerschaft, im Zusammenhang mit der Geburt und in den ersten Lebensjahren als notwendig erachtet.

Aufbauend auf dieser Erkenntnis hat in nahezu allen Bundesländern und in zahlreichen Kommunen eine Ausweitung und Qualifizierung von Angeboten stattgefunden, die sich speziell auf den Zeitraum von Schwangerschaft, Geburt und der ersten Lebensjahre konzentrieren (vgl. Helmig u. a. 2006). Ziel dieser Angebote ist es, Eltern in der ersten Lebensphase des Kindes über Unterstützungsangebote und Beratungsmöglichkeiten zu informieren. Vor allem bei jungen Eltern in schwierigen Lebenssituationen sollen auf diese Weise Überforderungstendenzen vermieden und die Elternkompetenz gestärkt werden.

Auf Initiative des Saarlandes und unter Beteiligung der saarländischen Landkreise wird dieser Themenkomplex erstmals in Deutschland in einem Bundesland flächendeckend durch das Präventionsprojekt „Keiner fällt durchs Netz" umgesetzt. Dieses Projekt ist ein zentraler Baustein des Landesprogramms „Frühe Hilfen" (vgl. dazu ausführlich Kap. 6.2.1). Keiner fällt durchs Netz zielt auf die Identifikation und den Zugang zu so genannten Risikofamilien. Ziel des Projektes ist es, dass bestehende Hilfestellungen in der frühen Kindheit bei belasteten Familien ankommen, bevor es zu einer Gefährdung des Kindeswohls kommt (IPKF, 2007, S. 1). In einem dreischrittigen Vorgehen soll der Zugang zu den Familien sehr früh gefunden und ausgebaut werden (vgl. IPKF, 2007, S.1):

· Von den Teams auf den Geburtsstationen werden denjenigen Eltern Hebammen vermittelt, die sich nicht bereits aus eigener Initiative um Unterstützung durch eine Hebamme bemüht haben.

· Allen Eltern wird der Elternkurs „Das Baby verstehen" zur Stärkung der elterlichen Sicherheit angeboten. Besonders belastete Familien erhalten Hausbesuche durch eine Familienhebamme über das gesamte erste Lebensjahr, um die Eltern ab der Geburt des Kindes in basalen elterlichen Kompetenzen zu fördern.

· In Fällen, wo die Hebammen im Laufe dieses Jahres mit Hilfe eines Screenings Risikokonstellationen identifizieren, werden die Familien an die bestehenden Hilfeeinrichtungen vermittelt.

Das Konzept des Projektes beinhaltet - wie aus Abbildung 9 hervorgeht - sowohl eine Kommstruktur als auch eine Gehstruktur. Der Elternkurs „Das Baby verstehen" will Paare auf die Zeit nach der Geburt des Kindes vorbereiten und die Eltern für die Signale des Säuglings und für die eigenen Wünsche und Gefühle sensibilisieren. Ein Elternkurs besteht aus fünf Einheiten. Die inhaltlichen Schwerpunkte sind:

· Partnerschaftsentwicklung beim Übergang zur Elternschaft;

· Eltern-Kind-Kommunikation (z. B. Signale des Säuglings deuten lernen, Umgang mit so genannten „Schreikindern");

· Vermittlung entwicklungspsychologischen Wissens;

· Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge als Voraussetzung harmonischer Beziehungen zu dem Partner und zum Kind.