Die Gründe dafür werden im Folgenden näher

Landtag des Saarlandes - 13. Wahlperiode - 57 7 Kooperation der verschiedenen Institutionen bei Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung und sexuellem Missbrauch

Im Rahmen dieses Kinder- und Jugendberichtes ist es letztlich nicht möglich detailliert darzustellen, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den am Kinderschutz beteiligten Politikfeldern und Institutionen tatsächlich in der Praxis funktioniert. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass nur aus der Spezifik des Einzelfalles heraus fundiert beurteilt werden kann, welches Herangehen im Sinne eines effektiven Kinderschutzes sachgerecht ist. Dennoch kann auf der Basis der verfügbaren Informationen davon ausgegangen werden, dass - wie in anderen Bundesländern auch - im Saarland wirksame Zusammenarbeit und systematische Vernetzung zwischen den Verantwortlichen Stellen nicht immer in ausreichendem Maße vorhanden sind und Optimierungspotenziale bestehen (vgl. dazu etwa van Santen & Seckinger 2003). Aus diesem Grund wird im Folgenden herausgearbeitet, welche Hemmnisse einer gelingenden Kooperation im Sinne des Kinderschutzes im Saarland noch entgegenstehen, aber auch welches die Erfolgsfaktoren sind, um die Zusammenarbeit weiter zu optimieren.

Die grundlegende Situation

In den Kinderschutz sind, wie im vorherigen Kapitel ausführlich dargestellt, eine Vielzahl von Akteuren und Institutionen aus unterschiedlichen Politikfeldern involviert (vgl. Abbildung 10).

Dabei handelt es sich um zum Teil hoch differenzierte und in sich geschlossene Systeme oder Organisationen, von denen jede für sich ein Eigenleben führt und eigene Strukturen, Regeln und Rangordnungen besitzt (vgl. Armbruster & Bartels, 2005, S. 409). Abbildung 10: Potenzielle Kooperationspartner beim Anfangsverdacht auf Kindesmissbrauch Quelle: Armbruster & Bartels, 2008, S. 408

Jede dieser Institutionen spielt eine Schlüsselrolle bei der Bearbeitung eines Falles von Kindeswohlgefährdung und kann zum Gelingen ebenso beitragen wie zum Scheitern. Obwohl die Problematik ein ganzheitliches Vorgehen unabdingbar macht, gab es auch in den Interviews mit saarländischen Expertinnen und Experten eine Reihe von Aussagen, die die in der Literatur häufig vertretene Meinung bestätigen, dass das Verhältnis der einzelnen Akteure, die sich mit Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung und sexuellem Missbrauch beschäftigen, teilweise mehr oder weniger kompliziert sei (vgl. Armbruster & Bartels, 2005, S. 409; van Santen & Seckinger, 2003).

Armbruster & Bartels (2005, S. 410) beschreiben die Folgen von missglückter Zusammenarbeit für die Klientinnen und Klienten: „Weil Signale und Symptome durch institutionelle Lücken und geringe Vernetzungskenntnisse der Fachleute nicht korrekt zugeordnet werden, gelangen die Klientinnen und Klienten oft erst über zeitraubende Umwege an die richtige Person oder die richtige Stelle. Gleichermaßen unterliegen Sie dem Risiko, dass sie etwa mit Lehrerinnen, Sozialarbeitern oder Beraterinnen zusammentreffen, die sich mit ihrem Problem überidentifizieren und es allein ohne Hilfeverbund zu bewältigen suchen - ein klarer Fall professioneller Selbstüberschätzung, der in der Praxis viel zu häufig vorkommt. Ebenso häufig kommt es vor, dass Einrichtungen die traumatisierten Kinder oder Jugendlichen nach dem ersten extrem wichtigen Beziehungsaufbau wieder an andere Stellen verweisen, weil sie ihre Teilaufgabe abgearbeitet haben - ohne ihre Klientel vorher ausreichend über das methodische Vorgehen aufgeklärt zu haben. So ist der Abschluss einer Diagnostik, einer Vernehmung, einer Intervention oder eines therapeutischen Verfahrens immer wieder die Bruchstelle, an der die Opfer ihr Vertrauen und ihre Motivation verlieren oder gar die Suche nach Hilfe aufgeben, weil sie sich erneut missbraucht und allein gelassen fühlen - dieses Mal durch die Institution und die Helfer".

Aus den Interviews mit saarländischen Expertinnen und Experten lässt sich ableiten, dass auch im Saarland solche Optimierungspotenziale im Bereich der Zusammenarbeit bestehen.

Die Gründe dafür werden im Folgenden näher erläutert.

Hindernisse für gelingende Kooperation beim Kinderschutz

Bei den professionellen Helferinnen und Helfern in den Feldern Kindesmisshandlung, Kindesvernachlässigung und sexuellem Missbrauch treffen unterschiedliche Vorerfahrungen, Grundberufe, Aus- und Weiterbildungen aufeinander. Die Helfer/-innen sind verschiedenen Berufsbildern und willkürlich gegliederten Einkommensgruppen zugeordnet und arbeiten in unterschiedlichen Einrichtungen mit u. U. divergierenden Konzeptionen und Aufträgen. Daraus ergeben sich Unterschiede in Grundhaltungen, Aufgabenstellungen und Zielen, in Befugnissen, Handlungsformen sowie in den Rahmenbedingungen. Je nach Blickwinkel, Dringlichkeit und momentanem Bedarf können die Merkmale des jeweiligen Funktionsträgers, der Berufsgruppe oder Einrichtung als Einschränkung für eine gelingende Zusammenarbeit und eine erfolgreiche Fallarbeit interpretiert werden (vgl. Armbruster & Bartels, 2005, S. 411). Armbruster & Bartels (2005, S. 411f.) nennen insbesondere fünf Gründe, warum sich Kooperationspartner/-innen häufig nicht wie gewünscht verstehen. Ähnliche Aussagen sind in den Experten- und Expertinneninterviews gemacht worden: Unterschiede in den Grundhaltungen

In den Grundhaltungen drücken sich die Überzeugungen und Normen aus, die in bestimmten Einrichtungen vorherrschen. Armbruster & Bartels nennen Beispiele, die mehr oder weniger typisch für bestimmte Berufsgruppen sind. So finden sich in Selbsthilfegruppen häufig parteiliche und opferorientierte Haltungen, die sich mit den Klientinnen und Klienten solidarisieren.

Dagegen sind in Psychotherapieeinrichtungen stärker abstinente oder allparteiliche Haltungen anzutreffen. Während niedrigschwellige und auf Krisen bezogene Konzeptionen oft in der Sozialen Arbeit vorzufinden sind, haben systemisch-familiendynamische Orientierungen vorzugsweise in Beratungsstellen Einzug gehalten. Strafverfolgungsbehörden und Polizei hingegen bestärken die Opfer von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch, ihr Recht auf Selbstbestimmtheit wahrzunehmen und die Täter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen.

Jede dieser exemplarischen Grundhaltungen ist für bestimmte Opfer von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauchs besonders angemessen und hilfreich. In anderen Fällen stehen sie jedoch der Einleitung zielführender Interventionen oder Maßnahmen und auch einer effektiven Zusammenarbeit eher im Wege.

Unterschiede in den Rahmenbedingungen

Die materielle und personelle Ausstattung der mit dem Kinderschutz befassten Einrichtungen und ihre Platzierung in der sozialen Landschaft sind unterschiedlich. Gleichwohl haben sie maßgeblichen Einfluss auf den Handlungsspielraum sowie auf das Selbstwertgefühl und das Prestige der einzelnen Professionen. Ob man Sozialarbeiter/-in oder Arzt bzw. Ärztin in einem benachteiligten Stadtteil oder einem großbürgerlichen Milieu ist, ob man einen befristeten Jahresvertrag hat oder auf Lebenszeit verbeamtet ist, beeinflusst - bewusst oder unbewusst - die Qualität der Arbeit und manchmal auch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Einige der am Kinderschutz beteiligten Akteure sind zudem eher auf sich selbst gestellt und typische Einzelkämpfer (z.B. niedergelassene Kinderärzte bzw. -ärztinnen, Therapeutinnen und Therapeuten in eigener Praxis, Richter/-innen). Andere Fachleute wie Mitarbeitende in Krankenhäusern oder Jugendämtern sind hingegen in komplexe Hierarchien integriert und damit weiteren Einschränkungen und Kontrollen unterworfen. Dadurch ergeben sich unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten für die Kooperation mit anderen Institutionen.

Unterschiede in Aufgaben und Ziele

Die Bearbeitung von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch ist - dies wurde im Rahmen dieses Berichtes bereits mehrfach thematisiert - ein klassisches Querschnittsthema. Es handelt sich dabei um eine Herausforderung von ganzheitlichem Anspruch, wobei die beteiligten Akteure gemäß ihrer fach- und berufsspezifischen Maßgaben vorgehen müssen. Armbruster & Bartels nennen einige für bestimmte Berufsgruppen typische Aufgaben und Ziele. Der Medizin und Psychotherapie fallen schwerpunktmäßig diagnostische und kurative Aufgaben zu; Justiz muss zu einem bestimmten Zeitpunkt möglichst adäquate Anordnungen erlassen oder richtige Urteile fällen; dem Jugendamt fällt gleichermaßen die Wächteraufgabe und die Verpflichtung zur Unterstützung und Hilfegewährung zu; sozialpädagogische Dienste wiederum haben kompensatorische Aufgaben. Sie sollen helfen, die erlittenen Traumata besser zu integrieren, individuelle Ressourcen bewusst zu machen und zu stärken und langfristig positive Entwicklungsverläufe zu ermöglichen. Die Kenntnis der Ziele und Aufgaben anderer Institutionen ist wesentliches Element eines effektiven Kinderschutzes, die derzeit noch nicht im gewünschten Maße vorhanden ist.

Unterschiede in den Befugnissen

Auch die Tatsache, dass die am Kinderschutz beteiligten Institutionen unterschiedliche Befugnisse bzw. unterschiedlich gute Kenntnisse über die Befugnisse anderer Institutionen haben, stellt zuweilen ein Hemmnis für gelingende Kooperation dar. Je nach Profil der betreffenden Institution reichen diese - so Armbruster & Bartels - von der Dienstleistung bis hin zu hoheitlichen Sanktionen, z. B. von der Durchführung einer Spieltherapie für ein missbrauchtes Mädchen bis hin zur Herausnahme von gefährdeten Kindern nach § 1666, welche durch das Familiengericht angeordnet werden kann und vom Allgemeinen Sozialdienst eventuell unter Polizeischutz durchgeführt wird. Dies hat zur Folge, dass die Vertreterinnen und Vertreter dieser Institutionen von ihrem Klientel sehr unterschiedlich im Hinblick auf ihre Funktion, ihre Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit sowie ihre Durchsetzungsfähigkeit und Kompetenz eingeschätzt werden: von parteilich und solidarisch über wohlwollend und schützend bis zu extrem bedrohlich und eingreifend. Am deutlichsten und sicher auch am problematischsten stellt sich dies bis heute beim Jugendamt dar, das bei Familien vielfach noch den Ruf besitzt, „die Kinder wegzunehmen".