Bei diesen Zielen Konzentration und Eigenentwicklung handelt es sich um zum Teil widerstreitende Vorgaben

Landtag des Saarlandes - 13. Wahlperiode - 34 Hinzu kommt, dass - bedingt durch die geringen Geburtenzahlen - gerade in den Einfamilienhaus-Gebieten der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts eine besonders starke Überalterung der Einwohnerschaft eintreten wird.

Angesichts dieser zurückgehenden Bevölkerungszahlen ist eine abnehmende Leistungsfähigkeit der örtlichen Infrastruktur zu erwarten. Um dem zu begegnen, ist es erforderlich, die Bevölkerung auf leistungsstarke Orte zu konzentrieren. Gleichwohl müssen jedoch Möglichkeiten der Gemeinden zur Eigenentwicklung erhalten bleiben.

Bei diesen Zielen, Konzentration und Eigenentwicklung, handelt es sich um zum Teil widerstreitende Vorgaben. Künftige (An-)Siedlungsprojekte bedürfen daher einer sorgfältigen Abwägung.

So empfiehlt es sich einerseits, in den leistungsstarken Orten Potentiale zu schaffen, die den Zuzug von Personen ermöglichen, während andererseits in den übrigen Orten zwar kein Zuzug aber die Befriedigung der aus dem jeweiligen Ort selbst entstehenden Wohnbedürfnisse zu ermöglichen ist.

Um auch in kleineren bzw. entlegeneren Orten eine wohnortnahe Versorgung zu ermöglichen, ist die Zulassung großflächigen Einzelhandels restriktiv zu handhaben. Die Größe neuer Einzelhandelsbetriebe hat sich an dem Einzugsbereich der jeweiligen Gemeinde zu orientieren. Neuer großflächiger Einzelhandel sollte daher nur in zentralen Orten zugelassen werden. Großflächige Einzelhandelsbetriebe mit einer Verkaufsfläche von mehr als 5.000 qm sollten zudem einem Raumordnungsverfahren unterzogen werden. In Gewerbegebieten ist Einzelhandel nur noch wünschenswert, wenn er mit einer dort befindlichen Produktion verbunden ist.

Sinkende Einwohnerzahlen führen zu einer geringeren Auslastung der gemeindlichen Einrichtungen bei gleichzeitig niedrigeren allgemeinen Einnahmen. Für die Kommunen wird es daher immer schwieriger werden, alle nötigen Einrichtungen selbst vorzuhalten. Gleichzeitig wird aber auch die Notwendigkeit solcher Einrichtungen abnehmen, da sie von immer weniger Personen beansprucht werden. Dieser Entwicklung kann am effektivsten begegnet werden, wenn Gemeinden die Zusammenarbeit suchen und die erforderliche Infrastruktur gemeinsam zur Verfügung stellen. Bei interkommunaler Zusammenarbeit ist eine integrierte Kostenrechnung anzustreben, welche die Ermittlung der tatsächlichen Einsparungen erleichtert. Zudem ist darauf zu achten, dass zentrale Betriebe von der angesprochenen Bevölkerung in maximal 30 Minuten zu erreichen sind, damit sie auch angenommen werden.

B.II.2. Wohnen im Alter

Hinsichtlich der Wohnsituation älterer Menschen im Saarland ist von folgenden Eckdaten ausgehen:

- 90% aller über 65-Jährigen leben in der eigenen Wohnung, 2/3 sind zudem Eigentümer ihrer Wohnung

- nur 3,7% aller über 65-Jährigen leben in Heimen, von diesen sind jedoch 89% pflegebedürftig

- 15% der Altenheimplätze im Saarland sind derzeit nicht belegt

- die durchschnittliche Verweildauer älterer Menschen in Heimeinrichtungen liegt derzeit unter einem Jahr, das durchschnittliche Eintrittsalter beläuft sich auf rund 85

Jahre

Diesen Daten kann entnommen werden, dass Altenheime zunehmend nur noch als letzte Notlösung in Anspruch genommen. Klassische Altenheimplätze werden kaum in Anspruch genommen, die Mehrzahl der Bewohner benötigt Pflegeplätze.

Das Altenheim wird von der Bevölkerung nicht als ideale Wohnform für das Alter empfunden.

Es kann mithin nicht die Antwort auf die Überalterung der Gesellschaft sein.

Auch die Wohnformen des betreuten oder gemeinschaftlichen Wohnens werden nur in geringen Maße nachgefragt. Die Wünsche an ein Wohnen im Alter liegen anders. Gefordert werden von den Betroffenen:

- weitest gehende und lang andauernde Selbständigkeit

- Kontinuität

- Einbindung in die Nachbarschaft

- Sicherheit in Notfällen

Um den Wünschen der älteren Menschen gerecht zu werden, sind solche Projekte und Ansätze zu unterstützen, die ein möglichst langes Verbleiben in der gewohnten Umgebung ermöglichen:

1. Der Übergang vom aktiven Berufsleben in eine neue Lebensphase bedarf einer erheblichen psychischen Anpassung. Eine solche Anpassung und die Schaffung eines Bewusstseins für die künftig anstehenden Probleme und deren Lösungen erfordert Beratung durch sachkundige Stellen.

2. Hilfsangebote müssen darauf abzielen, den Eintritt der Pflegebedürftigkeit möglichst lange hinauszuschieben. Sie müssen daher früh, etwa bei Renteneintritt, ansetzen. Gerade in diesem Lebensabschnitt, in noch gesunden Tagen, können Hilfen, wie Umbauten, Befassung mit Hilfskräften, Aufbau sozialer Netzwerke, problemlos umgesetzt werden. Die Angebote müssen den Hilfsbedürftigen fordern. Eigene Mitarbeit und das Bewältigen kleiner Herausforderungen erhöht die Zufriedenheit und beugt dem Verlust von Selbständigkeit vor. Ein Eingehen auf die Bedürfnisse älterer Bewohner ist auch von Seiten der Wohnungsgesellschaft/Vermieter zu fordern, zumal es in deren eigenem Interesse liegt, ihren Wohnungsbestand vor dem Hintergrund zurückgehender Bevölkerungszahlen möglichst ausgelastet zu halten. Das Angebot von günstiger gelegenen Wohnungen, z. B. im Erdgeschoss, und Serviceverträgen für bestimmte Dienstleistungen, kann erheblich dazu beitragen, ältere Mieter länger in ihren Wohnungen zu halten.

3. Es muss eine Struktur von Hilfen am Ort der Wohnung etabliert werden. Bezahlte Dienstleistungen sind nur in geringem Umfang finanzierbar. Soweit sie bezahlt werden können, sind ältere Menschen jedoch oft mit dem dazugehörenden administrativen Aufwand (Stellenangebot, Bewerberauswahl, Meldungen an die Minijobzentrale, etc.) überfordert. Wünschenswert ist daher die Bereitstellung von Vermittlungseinrichtungen, die den organisatorischen Aufwand von der Auswahl geeigneter Bewerber bis zur steuer- und sozialrechtlichen Abwicklung übernehmen. Solche Vermittlungsstellen müssen nicht zwingend öffentlich finanziert werden, vielmehr bietet es sich gerade auch für Wohnungsgesellschaften an, ihre (älteren) Mieter durch solche Angebote in den Wohnungen zu halten. Da nur ein geringer Teil der Hilfsleistungen von den Hilfsbedürftigen zu bezahlen sein wird, ist auf eine Verstärkung von Nachbarschaftshilfe in Form von Einkaufshilfen, Besuchsdiensten usw. hinzuwirken.

4. Bei der Errichtung neuer Wohnungen ist darauf zu achten, dass die Zahl der Bewohner je Wohneinheit deutlich abnehmen wird. Die Nachfrage nach SingleWohnungen für Menschen in fortgeschrittenem Alter wird steigen. Wohnungsbauförderprogramme müssen daher auch auf den Bau, Umbau und die Umrüstung von Wohnungen zu altengerechten Ein-Personen-Haushalten gerichtet sein.

5. Das Bedürfnis nach Sicherheit in Notfällen ist gerade bei Älteren sehr groß. Hier können soziale Bindungen aber auch neue technische Geräte hilfreich sein.

6. Mit zunehmendem Alter sind die Menschen verstärkt auf den ÖPNV angewiesen.

Die Transportmittel aber auch die Taktzeiten sind somit verstärkt an die Bedürfnisse der über 65-Jährigen anzupassen.

B.II.3. Strukturförderung und Verkehrsplanung

Was die Einflüsse des Demografischen Wandels auf die Verkehrsplanung angeht, so wird weniger das Moment des Bevölkerungsschwundes als das der zunehmenden Überalterung zu beachten sein.

Der Bevölkerungsschwund wird sich auf den Verkehr in dem Sinne positiv auswirken, dass die Verkehrsdichte sinkt oder zumindest langsamer wächst.

Die Teilnahme einer immer größeren Zahl älterer Menschen am öffentlichen Straßenverkehr macht jedoch Veränderungen bei der Planung und Steuerung des Verkehrs nötig.

Dabei kann zunächst von folgenden Grundgegebenheiten ausgegangen werden :

1. Die Hälfte der älteren Menschen hat unerfüllte Aktivitätswünsche.

2. Viele Ältere (auf dem Lande sogar fast alle) haben in jüngeren Jahren keine Erfahrung mit dem ÖPNV gemacht. Im Alter fällt es ihnen daher sehr schwer, mit dem ÖPNV zurechtzukommen.

3. Im Jahr 2030 werden ca. 100 % der 70- bis 75-jährigen Männer und 95 % der 70- bis 75jährigen Frauen einen Führerschein besitzen. 50 % der 80-jährigen Menschen werden einen eigenen Pkw nutzten.

4. Erst ab dem 80. Lebensjahr ist eine nennenswerte altersbedingte Abschaffung des Pkws feststellbar.

5. Durch zurückgehende Schülerzahlen und einen steigenden Anteil Älterer, die über einen eigenen Pkw verfügen, werden die Fahrgastzahlen im ÖPNV deutlich sinken.

Hiervon ausgehend sind verschiedene Anforderungen an den öffentlichen Straßenverkehr in einer alternden Gesellschaft zu stellen.

Vor dem Hintergrund der Bedürfnisse älterer Menschen sind Erreichbarkeit und Sicherheit des ÖPNV wichtiger als dessen Geschwindigkeit.

Neben der Technik (Einparkhilfen, hohe Sitzposition usw.) bedürfen auch die Verkehrsregeln einer Anpassung. Um den Straßenverkehr auch für unsicherere Fahrer attraktiv zu halten, ist eine Absenkung des durchschnittlichen Geschwindigkeitsniveaus hilfreich. Positive Effekte haben auch längere Ampelschaltungen und größere Verkehrszeichen.

Förderungswürdig sind demgemäß kleinteilige, gemischte und kompakte Strukturen. Diese garantieren hinreichend kurze Wege, um auch von Menschen aufgesucht werden zu können, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Hingegen führt der Bau von Großstrukturen zu einem Rückzug aus der Fläche. Bei dem Bau und der Sanierung von Verkehrsanlagen ist auf Barrierefreiheit, ausreichende Sitzgelegenheiten und Toiletten sowie einen guten Allgemeinzustand zu achten. Insbesondere die mangelnde Erreichbarkeit von Toiletten hält viele ältere Personen von der Nutzung des ÖPNV ab. Daneben spielt auch die Zuverlässigkeit der Verkehrsmittel eine wichtige Rolle. Häufiges Umsteigen und lange Anschlusswartezeiten machen den ÖPNV unattraktiv. Dem kann mit einer rechnergestützten Koordination und abgestimmten Fahrplänen entgegengewirkt werden. Um eine möglichst effiziente Koordination zu erreichen, bietet es sich bei der Größe des Saarlandes an, nicht nur die Zuständigkeit für den Schienenverkehr sondern auch für den übrigen ÖPNV auf einen einzigen Aufgabenträger zu verlagern.