Das SBahnNetz ist auch im 11 Jahr nach Fall der Mauer noch längst nicht wieder auf dem Stand von 1961 als die Mauer gebaut wurde

Antrag über Zweisystem-Fahrzeuge für die S-Bahn

Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen:

Das Abgeordnetenhaus fordert den Senat auf, auf die S-Bahn Berlin GmbH dahingehend einzuwirken, dass die Bestellung der noch bis 2005 auszuliefernden S-Bahnzüge so modifiziert wird, dass die für die Strecken Falkensee-Buch und BirkenwerderSchönefeld notwendige Anzahl als Zweisystem-Fahrzeuge geliefert werden.

Über seine Bemühungen berichtet der Senat bis zum 1. September 2000.

Begründung:

Das S-Bahn-Netz ist auch im 11. Jahr nach Fall der Mauer noch längst nicht wieder auf dem Stand von 1961, als die Mauer gebaut wurde. Auch das Fern- und Regionalnetz hat das Niveau der Vorkriegszeit noch nicht wieder erreicht. Da die Stromsysteme beider Netze miteinander nicht kompatibel sind, verschärfen sich die Probleme der Netzlücken in Berlin und Brandenburg.

Früher, zu Zeiten der Dampflokomotive, konnten Nah- und Fernverkehrszüge alle Gleise benutzen. Als in den 20er Jahren das S-Bahn-Netz vom Dampfbetrieb auf den elektrischen Betrieb umgestellt wurde, entschied man sich in Berlin für das schon bei der U-Bahn seit der Jahrhundertwende gebräuchliche Gleichstromsystem mit seitlicher Stromschiene.

In Frankfurt, München, Dresden und anderen deutschen Städten wurde die Elektrifizierung des Nahverkehrs später und gemeinsam mit dem Fernverkehr realisiert, so dass dort ein einheitliches Stromsystem entstand. Dadurch blieben die Flexibilität und Leistungsfähigkeit des alten Netzes erhalten. Das im Fernverkehr übliche Wechselstrom-Oberleitungssystem erreichte erst 1965 den Hamburger und 1980 den Berliner Raum, was in diesen beiden Städten die Existenz zweier unterschiedlicher Stromsysteme erklärt.

Will man die notwendige Flexibilität wieder erlangen, ohne die Schienennetze mit Milliardeninvestitionen umzubauen, werden Mehrsystem-Fahrzeuge benötigt, die andernorts schon im Einsatz sind: In Karlsruhe fährt eine Straßenbahn nicht nur auf den Gleichstrom-Gleisen des Straßenbahn-Netzes, sondern auch auf Wechselstromgleisen der Deutschen Bahn AG in den Hauptbahnhof und kilometerweit in die benachbarten Regionen. Saarbrücken hat sogar ein Dreisystem-Fahrzeug zum Einsatz gebracht. Dort befährt die Straßenbahn nicht nur das städtische Straßenbahnnetz sondern auch die Gleise der DB AG, und die der französischen SNCF bis in das lothringische Grenzstädtchen Sarreguemines (Saargemünd). Gegenwärtig startet Siemens den ICE 3 mit einem ViersystemAntrieb aus, sodass dieser Zug trotz unterschiedlicher Eisenbahnsysteme problemlos in Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich über die Schienen gleiten kann.

Die Ausstattung der Fahrzeuge für die spezielle Berliner Problematik wäre auch finanziell kein Problem. Die Fahrzeuge der Baureihe 423 beispielsweise, die in Düsseldorf und Stuttgart mit Oberleitung fahren, müssten nur mit einem seitlichen Stromabnehmer ausgestattet werden. Die moderne Fahrzeugelektronik käme nach geringfügigen Anpassungen mit den geänderten Stromarten klar. Die Mehrkosten für die 7 Millionen DM teuren Fahrzeuge würden lediglich 250 000 DM betragen. Da ohnehin auf Bestellung der DB AG noch S-Bahn-Fahrzeuge dieser Baureihe gefertigt werden, wäre eine Mitfertigung der Duo-Version unproblematisch. Auch Hamburg, neben Berlin die einzige deutsche Stadt mit seitlichen Gleichstromschienen im Nahverkehr und Oberleitungen mit Wechselstrom im Fernverkehr, will DuoFahrzeuge einsetzen. Würden Berlin und Hamburg gemeinsam ähnliche Fahrzeuge ordern, könnten die Kosten gesenkt werden.

In Berlin wäre auf vielen Strecken in einem ersten Schritt noch nicht einmal ein Mehrsystem-Fahrzeug notwendig. Da viele Lücken auf oberirdisch verlaufenden Trassen existieren, bietet sich zunächst der Einsatz von Diesel-S-Bahnen an. Solche Fahrzeuge der Firma ADtranz, die sofort in Berlin einsetzbar und preiswerter als S-Bahnzüge sind, werden gegenwärtig schon von privaten Betreibern in Düsseldorf eingesetzt. Die Fahrgäste können dort vom Düsseldorfer S-Bahn-Netz ohne Umsteigezwänge auch auf den nichtelektrifizierten Streckenästen nach Kaarst und Mettmann befördert werden. Diesel-Fahrzeuge sind nach Angaben des Umweltbundesamts ökologisch verträglich, wenn sie mit Rußfiltern ausgerüstet sind.

Als erste Anwendungs-Strecken bieten sich die Verbindungen Falkensee-Buch und Birkenwerder-Flughafen Schönefeld an.

Dann würde der Umsteigezwang in Spandau entfallen und die Lücke im S-Bahnnetz am Karower Kreuz könnte überwunden werden. Die Verbindung von Birkenwerder nach Schönefeld würde am Außenring sowohl die S-Bahnlücke zwischen Karower Kreuz und Wartenberg als auch die zwischen Springpfuhl und Altglienicke kostengünstig und kurzfristig schließen, ohne langfristige und kostenträchtige Investitionen tätigen zu müssen. Deshalb sollte in Verhandlungen mit der S-Bahn Berlin GmbH erreicht werden, dass die Anzahl der für diese Strecken im 20-Minuten-Takt notwendigen Zweisystem-Fahrzeuge bestellt wird.