Ausbildungsmisere für Jugendliche ausländischer Herkunft

Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen:

1. Der Senat wird aufgefordert, für das kommende Ausbildungsjahr 2000/2001 wirksame Maßnahmen zu ergreifen, damit in der Hauptverwaltung und den Bezirksverwaltungen, den nachgeordneten Einrichtungen, den nichtrechtsfähigen Anstalten und den unter ihrer Aufsicht stehenden Eigenbetrieben eine deutliche Steigerung der Anzahl von Ausbildungsplätzen für Jugendliche ausländischer Herkunft erreicht wird.

Der Senat wird aufgefordert, an die Universitäten mit dem Ziel heranzutreten, dass sie ebenfalls dieser Verpflichtung nachkommen.

Dazu ist dem Abgeordnetenhaus bis zum 31. März 2001 zu berichten. Der Bericht soll darüber hinaus detaillierte Informationen über die Bereiche enthalten, die im Vergleich zum Ausbildungsjahr 1999/2000 keine Verbesserungen erzielen konnten.

2. Der Senat wird aufgefordert, dem Abgeordnetenhaus bis zum Beginn des neuen Aubildungssjahres am 1. September 2000 eine Konzeption zur Verbesserung der Ausbildungssituation Jugendlicher ausländischer Herkunft für den gesamten Bereich des öffentlichen Dienstes vorzulegen.

3. Der Senat wird aufgefordert, eine öffentlichkeitswirksame Kampagne zu initiieren, die besonders Jugendliche ausländischer Herkunft über die Möglichkeiten einer Ausbildung im Öffentlichen Dienst informiert (z. B. Informationsveranstaltungen an Schulen, ein Appell des Regierenden Bürgermeisters usw.).

Begründung:

Während der Anteil von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft in der Altersgruppe zwischen 16 und 20 Jahren 14,5 % beträgt, liegt der Anteil ausländischer Jugendlicher an allen Ausbildungsplätzen des öffentlichen Dienstes 1999 in Berlin mit 2 % extrem niedrig. Besonders alarmierend ist die rückläufige Tendenz: 1992 waren 232 = 6,4 % aller Azubis im öffentlichen Dienst Ausländer/-innen, 1994 210 = 5,6 %, 1996 91 = 3 % und 1999

= 2 %. Die Linie führt also kontinuierlich abwärts, die ethnisch bedingte Benachteiligung auf dem öffentlichen Ausbildungsmarkt nimmt Jahr für Jahr zu.

Diese Entwicklung entspricht der Situation auf dem gesamten Berliner Ausbildungsstellenmarkt. 1998 hatten nur 5,6 % aller Azubis in Berlin einen ausländischen Pass, 1994 waren es noch 8,8 %. Normalerweise sollte der öffentliche Sektor diese strukturelle Ungleichheit auffangen, in Berlin hingegen verstärkt er das negative Gesamtbild. Dass der öffentliche Dienst Vorreiter verstärkter ethnischer Diskriminierung statt verbesserter Gleichstellung wird, kann nicht hingenommen werden.

Die Berliner Politik kann nur dann glaubwürdig für mehr Ausbildungsgerechtigkeit in der Privatwirtschaft werben, wenn sie sich da im eigenen Haus nichts vorzuwerfen hat. Aus diesem Grund sollte sich Berlin entschließen, die vorgeschlagenen Maßnahmen zu ergreifen und mittelfristig auf einen Ausbildungskorridor für Migrant(inn)en hinzuarbeiten.