Kinder brauchen Kinder ­ Bildung, Erziehung und Förderung in den Kitas stärken

Wir fragen den Senat:

1. Welche Bedeutung misst der Senat der Förderung, Bildung und Erziehung in den Tageseinrichtungen (Kindertagesstätten, Eltern-Initiativ-Kindertagesstätten und Eltern-KindGruppen) in Anbetracht der sich verändernden Lebensbedingungen der Kinder (der Wandel der familiären Strukturen, das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, höhere Ansprüche an Bildung und Qualifikation, fehlende Gestaltungs- und Bewegungsräume u. a.) zu?

2. Warum hat der Senat nicht offensiv für den frühzeitigen Besuch von Kindertageseinrichtungen insbesondere für sozial benachteiligte Kinder und Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache bzw. mit Sprachschwierigkeiten geworben, wie nach den „Innenstadtkonferenzen" 1998 angekündigt?

3. Warum baut der Senat mit einem aufwendigen Antragsverfahren unnötige Hürden für den Besuch der Kitas auf und reduziert den Anspruch aller Kinder auf vorschulische Förderung, Erziehung und Bildung im wesentlichen auf den Betreuungsbedarf der Eltern zur Vereinbarkeit von Beruf und Erziehung?

4. Wie will der Senat, den besonderen Förderanspruch sozial benachteiligter Kinder verwirklichen, wenn er

a) ausgerechnet die Kinder, die in der Regel einer besonderen Förderung bedürfen (z. B. Kinder von Sozialhilfeempfänger/innen, Flüchtlingskinder) von dem frühzeitigen Besuch der Tageseinrichtungen ausschließt bzw. ihren Anspruch auf fünf Stunden Betreuungszeit beschränkt und

b) den sozialstrukturellen Personalzuschlag nicht für die Wohngebiete mit den schlechtesten Sozialindices nach dem Sozialstrukturatlas 1999 gewährt, sondern auf einige ausgewählte Quartiersmanagementgebiete begrenzt?

5. Wie verträgt sich die unzureichende Unterstützung des Elternmitsprachegremiums für den Bereich Kindertagesstätten (LEAK) auf Landesebene durch den Senat mit dem Anspruch, die Förderung, Bildung und Erziehung in den Kindertageseinrichtungen nach den Bedürfnissen der Familien auszugestalten?

6. Wie erklärt der Senat die erheblichen Unterschiede in den Ausgaben der Bezirke pro belegtem Kitaplatz von unter 1 500 DM bis zu 3000 DM (siehe Vorlage an den Hauptausschuss vom 17. März 2000), und sieht der Senat dies noch im Einklang mit dem Verfassungs-Auftrag zur Herstellung gleicher Lebensverhältnisse in Berlin, hier bezogen auf annähernd gleiche Ausstattung der Kindertagesstätten mit pädagogischem Fachpersonal, Einrichtungsgegenständen und Beschäftigungsmaterial sowie bezogen auf Beköstigung, Sauberkeit und baulichen Zustand der Kitas?

Begründung:

Der frühkindlichen Förderung und vorschulischen Erziehung und Bildung kommt unter den sich verändernden Lebensbedingungen der Kinder ­ wie der Wandel der familiären Strukturen, das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, höhere Ansprüche an Bildung und Qualifikation, fehlende Gestaltungs- und Bewegungsräume u. a. ­ eine wachsende Bedeutung zu. Dabei werden an die Tageseinrichtungen für Kinder vielfältige Erwartungen und Anforderungen gestellt. Eltern wollen in erster Linie ihre Kinder gut aufgehoben wissen, während sie arbeiten. Sie erwarten zudem Beratung und Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Für Kinder ist der Kontakt, das Spielen und die Auseinandersetzung mit anderen Kindern eine unabdingbare Voraussetzung für ihre soziale Entwicklung. Durch den Mangel an Spielund Freiräumen in der Wohnumgebung und die Unfallgefahren durch den Verkehr sind die Möglichkeiten der Kinder, draußen zu spielen und Freunde einfach so zu treffen, extrem eingeschränkt.

Unter diesen Gesichtspunkten sind Kitas als familienunterstützende Lebens- und Lernorte, als Räume und Treffpunkte für Kinder in Berlin besonders wichtig.

Die Notwendigkeit, die Familien in ihrer Verantwortung zu stärken und ihnen Beratung und Unterstützung zu geben, um ihre elterliche Erziehungskompetenz weiter zu entwickeln sehen auch CDU und SPD, der Bereich der Kindertageseinrichtungsangebote wird jedoch in ihrer Koalitionsvereinbarung vorwiegend unter dem Aspekt „Kinderbetreuung" abgehandelt. Zwar sollen verbindliche Qualitätsstandards entwickelt und gesichert, auch in den öffentlichen Kitas besondere pädagogische Konzepte entwickelt und angeboten und bedarfsgerechte Konzeptionen zum Spracherwerb und zur interkulturellen Erziehung erarbeitet werden. Wer daraus die Hoffnung schöpfte, CDU und SPD wollten nun endlich den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Kitas verwirklichen, wurde jedoch spätestens mit der Vorlage des Entwurfs der Rechtsverordnung zum Antragsverfahren enttäuscht. Danach sollten nur Kinder von Erwerbstätigen einen mehr als fünfstündigen Anspruch auf Förderung (Drei- bis Sechsjährige) oder überhaupt einen Bedarf (Krippen- und Hortkinder) haben, Kinder von Sozialhilfeempfänger/innen und Arbeitslosen, die nicht nachweisen können, dass sie demnächst eine Berufstätigkeit aufnehmen können, blieben außen vor. Ihre Eltern müssten einen besonderen pädagogischen oder familiären Bedarf nachweisen, der vom Sozialpädagogischen Dienst bestätigt werden kann.

Zwar hat die zuständige Senatsjugendverwaltung bereits erklärt, dass der Entwurf zum Antragsverfahren nicht so gemeint gewesen sei, wie er interpretiert wurde, der Entwurf macht jedoch deutlich, dass der Senat seine eigenen Aussagen und Programme zur Unterstützung der Familien und der frühzeitigen Förderung sozial benachteiligter Kinder und der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache oder mit Sprachschwierigkeiten nicht ernst nimmt.

Von der im Rahmen des Programms zur sozialorientierten Stadtentwicklung vom Senat angekündigten offensiven Werbung für den frühzeitigen Besuch der Kindertagesstätten ist weit und breit nichts zu sehen, im Gegenteil: Mit einem mehrseitigen Antragsformular, in dem nicht erwerbstätige Eltern im Prinzip ihr eigenes Versagen bei der Erziehung offen legen müssen, um einen Kitaplatz für ihr Kind geltend machen zu können, werden weitere Hürden für den Besuch der Tageseinrichtungen aufgebaut.

Ganz offensichtlich macht die große Koalition die Förderung der Kinder und ihren Anspruch an die Qualität der Bildung und Erziehung in den Kitas davon abhängig, dass es möglichst billig ist, und lassen so die in Berlin lebenden Familien im Stich.