Reform der Lehrerbildung an den Berliner Universitäten

Der Senat wird aufgefordert, dem Abgeordnetenhaus über die eingeleiteten Maßnahmen zur Reform der Lehrerbildung bis zum 30. November 2002 zu berichten.

In dem Bericht ist darzulegen, welche Ziele eine Reform der Lehrerbildung verfolgt und wann damit begonnen wird, ob die Universitäten in der Übergangsphase, bei zwei parallelen Ausbildungsgängen, zusätzliche Ressourcen aufbauen und finanzieren müssen, wann mit einer Qualitätsverbesserung in den Berliner Schulen durch die neuen Fachkräfte gerechnet werden kann, welche Form der Evaluierung gewollt wird und durch wen diese durchgeführt werden soll sowie welche Gesetze vorab geändert werden müssen.

Begründung:

Die aktuelle Situation der Lehrerbildung, nicht nur in Berlin, sondern in Deutschland insgesamt, ist in ihren Leistungen und Schwächen nicht Ergebnis einer zielgenauen Planung und Konstruktion, sondern im Wesentlichen historisch zu verstehen und als Ergebnis bildungspolitischer Auseinandersetzungen und Kompromisse über einen Zeitraum von inzwischen mehreren Jahrzehnten zu sehen.

Der Artikel 44 des EU-Vertrages verpflichtet die Mitgliedsländer der Europäischen Union, eine Niederlassungsfreiheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten und unter Durchsetzung dieser Norm entsprechende vereinheitlichende Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört die wechselseitige Anerkennung der Hochschulabschlüsse, soweit sie mit einer mindestens dreijährigen Berufsausbildung abschließen (Abi.EG Nr. L19 vom 24. Januar 1989, S. 16; NVwZ 1990, 45 ff.), sowie die Beseitigung innerstaatlicher Rechtsvorschriften, die einer entsprechenden Niederlassungsfreiheit entgegenstehen. Aus diesen und weiteren Vorschriften hat sich im Europäisierungsprozess seit der Bologna-Konferenz eine Einigung auf die Einführung konsekutiver Studiengänge (Bachelor/Master) ergeben, die ihren normativen Niederschlag in der Gesetzgebung der Bundesländer gefunden hat bzw. finden muss.

Im Kontext dieses Prozesses hat der Senat von Berlin mit den Hochschulen des Landes Hochschulverträge abgeschlossen, in denen die Hochschulen zur Modularisierung der Studiengänge und zur Einführung von Bachelor-/Master-Studiengängen verpflichtet wurden.

Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass die deutsche Lehrerausbildung in Europa in ihrer Zweiphasigkeit und in ihrem Umfang eine Besonderheit darstellt, ohne, wie die PISA-Studie zeigt, korrespondierende positive Effekte bei der Qualifizierung der Schüler hervorzubringen, ist eine grundlegende Umstellung erforderlich.

In diesem Zusammenhang ist langfristig auch das im übrigen Europa unübliche 2-Fächer-Prinzip der Lehrerausbildung zu überprüfen.

Die Notwendigkeit einer umfassenden Reform der Lehrerbildung wird heute unbestritten anerkannt, der Schritt zur wirklichen Neugestaltung scheint dagegen höchst schwierig, umweghaft und kontrovers.

Die Ergebnisse der internationalen Leistungsvergleichsstudien TIMMS und PISA, die sich auf die mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung sowie auf die Lesekompetenz beziehen, erlauben Rückschlüsse auf das Qualifikationsprofil und die Qualifikationsdefizite des Lehrpersonals.

An deutschen Schulen erfolgt die Vermittlung von Basiskompetenzen durch die Lehrkräfte nur unzureichend. Entweder besitzen Lehrer diese Kompetenz nicht; dann müsste u. U. das Ausbildungskonzept völlig neu konzipiert werden (z. B. Berufsfertigkeit erzeugende praxisnahe Fachhochschulausbildung anstelle eines Universitätsstudiums), oder eine entsprechende Weitervermittlung findet trotz vorhandener Lehrerkompetenz in diesen Basisbereichen nicht statt, weil es im fachdidaktischen Teilstudium nicht gelingt, die Brücke von der für das Fachstudium unabdingbaren disziplinären Logik zur Umsetzung im schulischen Unterricht zu schlagen.

Deshalb muss das Ziel darin bestehen, den Lehrerberuf in seiner Bedeutung institutionell anzuerkennen, die Ausbildung für den Lehrerberuf und die Erwartungen an eine wissenschaftsbasierte professionelle Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer in den Mittelpunkt der Anstrengungen zu rücken und damit die Qualität von Lehr- und Lernprozessen im Bildungswesen zu steigern.