Entwicklung des Arbeitsmarkt- und Berufsbildungspolitischen Rahmenprogramms

Berichts. Wie bei den Bündnissen für Wirtschaft und Arbeit sind auch bei der Entwicklung des Arbeitsmarkt- und Berufsbildungspolitischen Rahmenprogramms des Landes Berlin (ARP) Vertreter/innen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einzubeziehen, wobei die politische Verantwortung für den Inhalt des ARP letztendlich der Senat von Berlin trägt.

Handlungsziele und Indikatoren

Die individuelle Mischung aus Erwerbs- und Versorgungs-Tätigkeiten, Eigenarbeit und Engagement für die Gesellschaft soll das Arbeiten insgesamt abwechslungsreicher und für den Einzelnen befriedigender machen, Stress und gesundheitliche Belastungen abbauen, die soziale Sicherheit erhöhen. Arbeit erweist sich immer dann als befriedigend und weniger entfremdet, wenn die Beteiligten ausreichend qualifiziert und selbstbestimmt an Produkten bzw. Dienstleistungen arbeiten, deren soziale und ökologische Qualität erkennbar ist. Bezogen auf das Leitbild der Mischarbeit ergeben sich daraus folgende Grundhandlungsziele:

1. Alle Arbeitsformen und ihre Kombinationen werden gesellschaftlich anerkannt und gefördert.

2. Die physische und psychische Gesundheit sowie die Persönlichkeitsentwicklung werden geschützt und gefördert.

3. Das Entgelt für geleistete Arbeit wird sicher und gerecht gestaltet.

4. Die Arbeitsprozesse werden nach sozialen und ökologischen Ansprüchen gestaltet.

5. Die Menschen werden zu sozialen Innovationen im Bereich Arbeit ermutigt.

6. Angesichts der sich stetig wandelnden Arbeitsbedingungen werden Ausbildung und „lebensbegleitendes Lernen" gefördert.

7. Geschlechtergerechtigkeit

Für diese Handlungsziele werden im Folgenden Indikatoren aufgeführt, anhand derer überprüfbar werden soll, ob bzw. wie gut sich Berlin dem Ziel des nachhaltigen Arbeitens nähert. Zum Teil existieren in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte bereits Indikatoren und Verfahren zur Erfassung dieser Handlungsziele, zum Teil müssen sie aber auch modifiziert werden: Es bedarf neuer Definitionen, was im Sinne eines tiefgreifenden Strukturwandels in Bezug auf eine nachhaltige Gestaltung der Arbeitsprozesse sinnvoll und notwendig ist. Die folgenden Handlungsziele nachhaltiger Arbeit

· beziehen sich prinzipiell auf alle Formen von Arbeit;

· sind prägend mit der menschlichen Arbeitstätigkeit verbunden;

· stellen ein System dar, das Arbeiten in ihren vielgestaltigen Ausprägungen und ihrer Komplexität erfasst;

· erfassen die Merkmale von Arbeit nicht nur quantitativ, sondern auch detailliert qualitativ; somit werden auch komplexe Zusammenhänge abgebildet;

· erfassen neben der Abbildung objektiver Sachverhalte auch die subjektive Sicht der Arbeitenden auf ihre Tätigkeit für den Bewertungsprozess;

· verstehen sich als Denkanstöße für eine zukunftsfähige Berliner Arbeitsmarktpolitik.

1. Gesellschaftliche Anerkennung und Förderung aller Arbeitsformen und ihrer Kombinationen Grundsätzlich bedarf es einer Organisation gesellschaftlicher Arbeit, die frei bestimmte und anerkannte Mischarbeit, d. h. die Kombination von Erwerbsarbeit, Versorgungs-, Gemeinschafts- und Eigenarbeit sowie veränderte Kombinationen in biographischer Perspektive (Zu- und Übergänge) fördert. Informelle Arbeit ist im Verhältnis zur Erwerbsarbeit aufzuwerten, auch im Sinne ergänzender Einkommen. Nachhaltige Arbeit erfordert eine Umverteilung der Arbeiten, gerade um sozialen und ökologischen Interessen und Perspektiven des Einzelnen und der sozialen Gerechtigkeit - insbesondere zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den Altersgruppen und ethnischen Gruppen - gerecht zu werden (insbesondere in der Zeit- und Bildungspolitik). Entwurf zur Berliner Lokalen Agenda 21 Stand 30.03.2004 S. 70

Objektiver Indikator: Fördernde Berücksichtigung von Mischarbeit in den staatlichen und betrieblichen Regelungen zu Arbeitszeit-Regimen, Arbeitsplatzsicherheit, Aufstiegsmöglichkeiten und Bezahlungsbedingungen in der Erwerbsarbeit (Mindestanforderungen in x Prozent) Subjektiver Indikator: Zufriedenheit verschiedener Bevölkerungsgruppen mit der gesellschaftlichen Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit (jährliche Erhebung in x Betrieben und Institutionen des 1., 2. und 3.

Arbeitsmarktes)

2. Schutz und Förderung der physischen und psychischen Gesundheit sowie der Persönlichkeitsentwicklung

Es bedarf einer Arbeitsgestaltung, die die langfristige Erhaltung der persönlichen Gesundheit und Fähigkeiten (Qualifikation), ein aktives Gesundheitsverhalten (Arbeits- und Gesundheitsschutz; Begrenzungen von Arbeitsumfang, Arbeitsintensität, Zeit- und Koordinationsstress) sowie die Eigenverantwortung in der Arbeit ermöglicht.

Dieses Handlungsziel korrespondiert mit bekannten Konzepten zur Humanisierung der Arbeit, die allerdings bislang keineswegs die gängige Grundlage der Arbeitsgestaltung sind. Die Forderung zur Umsetzung dieses Qualitätsmerkmals als Bestandteil eines Nachhaltigkeitskonzeptes bleibt daher aktuell. Weiterhin ist zu bedenken, dass die optimale Förderung von Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung durch die Arbeit letztlich nicht nur eine entsprechende Gestaltung der unmittelbaren Arbeitstätigkeiten, sondern auch die Erfüllung der anderen aufgeführten Qualitätsmerkmale voraussetzt.

Objektiver Indikator: Anteil der Arbeitsplätze, in denen Möglichkeiten der Mischarbeit geregelt sind, ohne dabei Standards des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu verletzen. (Juristische Prüfung, qualitative Datenerhebung) Subjektiver Indikator: Anteil der arbeitenden Menschen, die sich schädigenden arbeitsbedingten Belastungen und Stress ausgesetzt fühlen (jährliche Erhebung in x Unternehmen und Institutionen des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes)

3. Sichere und gerechte Gestaltung des Entgeltes für geleistete Arbeit

Die Entgeltung für geleistete Arbeit ist so zu gestalten, dass ohne Vorbedingungen zumindest ein Grundeinkommen über das gesamte Leben sichergestellt und eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird. Diese Entgeltgestaltung erfolgt unter Berücksichtigung aller Formen von Arbeit.

Dabei ist ein weiteres Auseinanderklaffen der Einkommensschere zu vermeiden. (Die allgemeine Forderung nach einer Grundsicherung ist allerdings in einem anderen Kontext zu erörtern.) Objektiver Indikator: Existenz von gesetzlichen Regelungen zur gerechten Entgeltung (monetär und nichtmonetär) von Versorgungs-, Gemeinschafts- und Eigenarbeit und damit zur Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums (juristische Prüfung, qualitative Datenerhebung - noch klärungsbedürftig) Subjektiver Indikator: Anteil der Arbeitenden, die sich und ggf. ihre Familien durch ihre Arbeiten materiell und sozial gesichert fühlen (jährliche Erhebung in x Familien, Institutionen und Betrieben des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes)

4. Arbeit nach Anforderungen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit

Die Arbeitsformen und -inhalte in Unternehmen und Infrastrukturen (d.h. Mitarbeit an Produkten, Dienstleistungen und Versorgungsnetzen) sind so zu gestalten, dass sie den Anforderungen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ­ in einem ausgewogenen Verhältnis zu ökonomischen Notwendigkeiten ­ entsprechen. Dieses Qualitätsmerkmal stellt den Bezug zwischen nachhaltiger Arbeit und dem breiteren Kontext nachhaltigen Wirtschaftens (z.B. regionaler Wirtschaftskreisläufe) her.

Objektiver Indikator: Anteil der Unternehmen und Einrichtungen, die Nachhaltigkeitsprüfungen durchführen, sowie Anteil der Produkte, die ein entsprechendes Siegel (wie z. B. transfair) tragen. Der Siegelstandard ist vorher festzulegen (jährliche Erhebung in x Unternehmen und Institutionen des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes) Entwurf zur Berliner Lokalen Agenda 21 Stand 30.03.2004 S. 71

Subjektiver Indikator: Anteil der Beschäftigten, die es für gerechtfertigt halten, dass sie für die Produkte und Leistungen, an denen sie mitwirken, Verantwortung tragen. (Umfragen in x Unternehmen und Institutionen des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes)

5. Ermutigung zu sozialen Innovationen im Bereich Arbeit

Es bedarf der Ermutigung zu individuellen Gestaltungsbeiträgen und sozialen Innovationen in allen Arbeitsformen. Dazu ist der Ausbau von rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, begleitet durch aktivierende Organisationen, erforderlich. Hinsichtlich der inhaltlichen Füllung der Begriffe „Ermutigung" und „soziale Innovationen" ist der Tenor auch auf solche Innovationen zu legen, die über den Grundansatz der Mischarbeit hinausgehen (z.B. kollektive Arbeitsformen, Integrationsfirmen, u.a. nicht auf private Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmensformen, freizügigere Arbeitszeitregime, erweiterte Mitbestimmungsregelungen). Objektiver Indikator: Verbesserte gesetzliche Regelungen, die die Existenzfähigkeit kollektiver und gemeinwohlorientierter Unternehmensformen ermöglichen, sowie effiziente staatliche Förderinstrumente für die Gründung solcher Unternehmensformen. (Anzahl und Wertigkeit der entsprechenden Regelungen im Verhältnis zu Wirtschaftsförderungsregelungen)

6. Förderung des lebensbegleitenden Lernens und einer entsprechenden Ausbildung Lebensbegleitendes Lernen in der Erwerbsarbeit und anderen gesellschaftlich nützlichen Arbeiten ermöglicht ein selbstverantwortliches und reflektiertes Verhalten der Bürger/innen in der Gemeinschaft sowie ein produktives und abgesichertes Arbeitsleben. Es ist durch unterstützende Infrastrukturen und aktivierende Organisationen zu fördern. Dieses Handlungsziel korrespondiert mit dem Aspekt der Persönlichkeitsförderlichkeit von Arbeit im Punkt 2.

Objektiver Indikator 1: Anzahl und Qualität der Bildungsangebote sowie deren Verteilung auf die verschiedenen Arbeitsfelder und -formen. (jährliche Erhebung über wahrgenommene Angebote in x Unternehmen des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes) Objektiver Indikator 2: Anteil der Fünfundzwanzigjährigen ohne abgeschlossene Ausbildung.

(Statistische Erhebung, quantitative Daten) Subjektiver Indikator: Anteil der Menschen, die angeben, inhaltlich und zeitlich angemessene Bildungsbzw. Weiterbildungsmöglichkeiten (z.B. Bildungsurlaub) zu haben. (jährliche Erhebung in x Unternehmen und Institutionen des 1., 2. und 3. Arbeitsmarktes)

7. Querschnittsthema: Geschlechtergerechtigkeit

Es bedarf der gesellschaftlichen Anerkennung und gleicher Möglichkeiten für Frauen und Männer, an verschiedenartigen Tätigkeiten und Arbeitsformen teilzuhaben sowie deren Mischungsverhältnis individuell zu bestimmen (als Rahmenbedingung für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Leben bei Männern und Frauen). Objektiver Indikator 1: Anteil der Frauen in Arbeit, deren Einkommen und Position genauso hoch ist wie die der Männer mit gleichwertiger Arbeit. (jährliche Erhebung in x Unternehmen und Institutionen des 1.,

2. und 3. Arbeitsmarktes) Objektiver Indikator 2: Verhältnis zwischen der Erwerbslosenquote und der Arbeitszeit bei Männern und bei Frauen (Statistische Erhebung, quantitative Daten) Reformschritte und Projekte:

Die Entwicklung von Strategien mittlerer Reichweite für nachhaltiges Arbeiten erfolgt unter der Maßgabe, dass Nachhaltigkeit eine bewusste Verbindung von ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Anforderungen darstellt.