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Das Abgeordnetenhaus hat in seiner Sitzung am 3.6.2004 Folgendes beschlossen: „Der Senat wird aufgefordert, einen Bericht zur Situation des sekundären Analphabetismus in Berlin zu erarbeiten und dem Abgeordnetenhaus bis zum 30.9.2004 vorzulegen.

Dieser Bericht soll dazu dienen, vorhandene Maßnahmen zu bewerten und zu entwickeln, durch die Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, die trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, im Zusammenhang mit der beruflichen Integration der Zugang zu zielgerichteten, flankierenden Angeboten des nachgehenden Erlernens des Lesens, Schreibens und Rechnens erleichtert wird. Damit sollen ihnen mehr und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet werden."

Hierzu wird berichtet: Ausgangspunkt für den Berichtsauftrag war die Veröffentlichung des Armutsberichts „Armut und soziale Ungleichheit in Berlin" der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz im Jahr 2002, der den Zusammenhang von hohem Armutsrisiko und beruflicher Ausgliederung bei nicht vorhandenen schulischen Grundkenntnissen drastisch verdeutlicht.

Demzufolge können die soziale Situation und die Bildung nicht mehr voneinander losgelöst betrachtet werden. Über Bildung und Ausbildung erfolgt maßgeblich die Zuweisung von Chancen auf dem Arbeitsmarkt und von Lebenschancen.

Teilweise wird einem erweiterten Begriff des Analphabetismus auch eine mangelnde Beherrschung von mathematischen Grundkompetenzen zugeordnet (Lesen/Schreiben/Rechnen als Gesamtkomplex der Kulturtechniken).

Der Bericht geht zunächst von den notwendigen Begriffsklärungen aus. Der sekundäre Analphabetismus wird dabei in das Kontinuum der unterschiedlichen graduellen Ausprägungen von Mängeln in der Beherrschung der Kulturtechniken eingeordnet.

Bezüglich der aufgeführten drei Gruppen von Analphabetismus gibt es keine sichere Trennschärfe.

Mit einem kurzen Überblick zu allgemeinen bildungspolitischen Feststellungen wird das Thema in einen größeren Zusammenhang internationaler und nationaler Initiativen eingeordnet.

Für den Personenkreis mit primärem Analphabetismus wird etwa eine Quote von 4 % der Bevölkerung eingeschätzt. Dabei spielt die Gruppe der Migranten eine verstärkende Rolle.

Fragen der Maßnahmenplanung werden mit einer speziellen Problembeschreibung dahingehend vorbereitet, dass die Notwendigkeit einer Doppelstrategie herausgearbeitet wird. Es geht einerseits um die qualitative Verbesserung der Grundbildung im Sinne der Prävention von Analphabetismus. Andererseits sind Institutionen und Ansätze zu benennen, die sich der konstruktiven Bearbeitung dieses Problems im Erwachsenenalter intensiv und effektiv widmen.

Prävention und Therapie sind somit die zwei Zielrichtungen, die den Bericht weiter strukturieren.

Beim sekundären Analphabetismus geht man davon aus, dass Grundkenntnisse in der Schule zwar erworben, durch Vermeidungsstrategien zu wenig genutzt und damit vergessen werden. Wie schnell die Vermeidungsstrategien greifen und zum Vergessen führen, darüber hat man bisher nur Vermutungen, darf aber inzwischen davon ausgehen, dass dieser Prozess bereits während der Schullaufbahn einsetzt. Vor allem dann, wenn in den Schulen in den höheren Klassenstufen die Beherrschung der Grundtechniken unterstellt wird und kein Folgetraining einsetzt.

Nach den Hinweisen zu Qualitätsveränderungen in Kita und Schule werden die besonderen Akzente im Schnittfeld des Übergangs von Schule zum Beruf angesprochen, weil sich in dieser Phase auch einige Schularten besonders herausheben, die besondere Vorkehrungen zu treffen haben, um die grundlegenden Kulturtechniken nochmals hinreichend zu sichern.

Beim funktionalen Analphabetismus reichen die vorhandenen - oft bruchstückhaften - Kenntnisse nicht aus, um schriftsprachliche und rechnerische Belange des beruflichen und privaten Alltags selbstständig abzuwickeln. Dieser Begriff setzt die Kenntnisse in Beziehung zu den jeweiligen gesellschaftlichen Erfordernissen, um als sogenannter mündiger Bürger am gesellschaftlichen Leben aktiv und erfolgreich teilnehmen zu können.

Nach einer Standortbestimmung der Erwachsenenbildung zu dem Problem der Zunahme von mangelnder Beherrschung grundlegender Kulturtechniken erfolgt ein Überblick zu den Angeboten der Volkshochschulen. In einem weiteren Kapitel werden die speziellen Maßnahmen der freien Träger thematisiert.

Die Pisastudie hat für Deutschland die Risikogruppe der sekundären bzw. funktionalen Analphabeten mit etwa 25% ermittelt.

In einer Schlussbemerkung wird nochmals Bezug genommen auf die allgemeinen bildungspolitischen Feststellungen und die Notwendigkeit der Qualitätsverbesserung im Bereich der Grundbildung verstärkt aufgenommen.

Mit dieser Quote wird auf einen Personenkreis Bezug genommen, der auf Grund zu gering entwickelter Lesekompetenz für die Eingliederung in Arbeit und Beruf und vor allem für den Prozess des lebenslangen Lernens nicht ausreichende Grundfertigkeiten mitbringt.

1. Begriffliche Klärungen

In der Fachliteratur werden im Allgemeinen drei Gruppen von Analphabetismus unterschieden:

- Primärer Analphabetismus Für Berlin kann eine etwa vergleichbare Ausgangslage angenommen werden.- Im Sinne von grundlegendem Fehlen des Aneignungsprozesses von Lese- und Schreibfertigkeiten Verstärkend wirkt sich allerdings die in Ballungsräumen grundsätzlich höhere Zahl von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht deutscher Herkunftssprache aus.

- Sekundärer Analphabetismus

- Im Sinne von mangelnder Fortführung zunächst erworbener Fertigkeiten auf Grund fehlender Alltagspraxis nach Abschluss des unvollständig gebliebenen Aneignungsprozesses

2. Allgemeine bildungspolitische Feststellungen

Seit den 80er Jahren nehmen sich die Vereinten Nationen, die UNESCO und andere internationale Einrichtungen immer wieder über Aufrufe, Tagungen, Symposien der Frage des Analphabetismus in Industrieländern an, um ein öffentliches Bewusstsein

- Funktionaler Analphabetismus

- Im Sinne einer unter den allgemeinen Anforderungen liegenden zu geringen Kompetenz bei den Lese- und Schreibfertigkeiten

Der Bundesverband Alphabetisierung e. V. formuliert in den Bernburger Thesen zur Alphabetisierung vom November 2003 in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Institut für Pädagogik der Deutschen UNESCO-Kommission ausdrücklich: herzustellen bzw. zu verstärken. Auf die Empfehlung einer gemeinsamen Vorgehensweise von Schule und Erwachsenenbildung haben sich die Bildungsminister der UNESCO-Region Europa bereits auf ihrer 4. Konferenz im September 1988 verständigt. Sie empfahlen den Mitgliedstaaten, sowohl in der Schule als auch in der Erwachsenenbildung das Ziel des „Lesens und Schreibens für alle" besonders zu propagieren. Genannt wird auch die Notwendigkeit der Behebung der defizitären Lese- und Schreibfähigkeiten sowie die Forderung, die Möglichkeiten des Zweiten Bildungsweges stärker zu nutzen. „Im Bereich der Prävention von funktionalem Analphabetismus muss gesichert werden, dass Schüler/innen die Schule nicht ohne ausreichende Kenntnisse im Lesen und Schreiben verlassen. Dazu bedarf es regelmäßiger Analysen der Lernstandsentwicklung im Schriftsprachenerwerb und gezielter Fördermaßnahmen. Im Verlauf der Schulzeit muss es die Möglichkeit zum wiederholten Einstieg in den Schriftsprachenerwerb geben. Bereits vor der Schulzeit ist frühe Unterstützung durch vorschulische Einrichtungen und familienorientierte Maßnahmen zu gewährleisten."

Damit wird bereits erkennbar, dass es bei allen Maßnahmen in diesem Aufgabenfeld um die Notwendigkeit der Verbesserung der schulischen Grundbildung und um ein Folgeangebot im Erwachsenenalter gehen muss.

3. ProblembeschreibungDie OECD-Studie International Adult Literacy Survey (IALS), die zwischen 1994 und 1998 durchgeführt wurde, ergab dann speziell für Deutschland, daß 14,4 % der Erwachsenen über 15 Jahre (7,7 Millionen) nur das niedrigste Niveau der Lesekompetenz erreichen. Es wurde ausgeführt, dass sie auch nach jahrelangem Schulbesuch nicht in der Lage seien, z. B. ein Fernsehprogramm zu entziffern. Sie haben, hieß es weiter, extreme Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags, im sozialen Bereich und bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Das bedeutete für Deutschland unter 13 Ländern den drittletzten Rang.

Analysiert man die Verursachungskomponenten von mangelnder Grundbildung so ist zunächst der familiäre Bereich kritisch anzufragen. Als eine wesentliche Nebeninformation der internationalen Vergleichuntersuchungen ist der Hinweis aufzunehmen, dass die „Bildungsnähe der Elternhäuser" unserer Kinder und Jugendlichen wesentlicher Bestimmungsfaktor des Bildungserfolges der nachwachsenden Generation ist. Für die gegenwärtigen Schülerinnen und Schüler ist daher die Frage ihrer Erfahrungen in unseren Bildungseinrichtungen von bestimmender Bedeutung für ihre künftige Positionierung zu Fragen der kulturellen Grundbildung.Wesentlich deutlicher und detaillierter belegt die PISA-Studie die Situation: Ein Viertel der Schüler/innen verlässt ohne ausreichende Grundbildung die Schule, sehr oft ohne Aussicht auf eine berufliche Zukunft. Die Deutsche UNESCO-Kommission bemängelte ausdrücklich, dass es im deutschen Bildungssystem keine Möglichkeit gebe, in höheren Klassen Lesen und Schreiben noch einmal von Anfang an zu lernen: „Die Problemschüler von heute sind die Analphabeten von morgen".

Es kann daher nicht die Strategie der Minderung von sekundärem Analphabetismus sein, vorrangig Nachbesserungen im nachschulischen Bereich und in der Erwachsenenbildung vorzunehmen.

Der Schwerpunkt von Maßnahmen zur Vermeidung von funktionalem/sekundärem Analphabetismus zielt deshalb zunächst auf eine qualitative Veränderung der Bildungskonzepte im Bereich von vorschulischer und schulischer Förderung. Eine gelungene Prävention mindert letztlich die Bereitstellung kostenintensiver Maßnahmen in der Tertiärphase von Bildung.

Die KMK formulierte am 04.12.2001 in einer Pressemitteilung „Praktische Umsetzung der Erkenntnisse aus der PISA-Studie hat höchste Priorität" die Schwerpunktforderungen im Sinne der Verstärkung von Anstrengungen zur Förderung von Schüler/innen im unteren Leistungsbereich sowie das Erkennen „schwacher Leser/innen" und die Entwicklung insbesondere von Lesekompetenz als Voraussetzung für erfolgreiches Lernen in allen Schulfächern.

Unbestritten ist, dass besondere Zielgruppen einer intensiven Unterstützung ihrer Bildungsentwicklung bedürfen. Zu diesen „Risikogruppen" gehören die Kinder mit sprachlichen Defiziten, denen schon am Schulanfang zusätzliche Förderung zuteil werden sollte. Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprache, Kinder mit Migrationshintergrund, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf wegen einer Behinderung sind die besonderen Zielgruppen, die bei der Sicherung der kulturellen Grundbildung zusätzliche Stützung benötigen.

Aus den internationalen und nationalen Leistungsuntersuchungen ist eindeutig abzuleiten, dass sich das gesamte deutsche Bildungssystem einer Reform stellen muss, die der qualitativen Weiterentwicklung der Bildungsträger im vorschulischen Bereich, in der Schulpflichtzeit aber auch in der nachschulischen Fort- und Weiterbildung dient.