Ganztagsgrundschulen

Unter Bezugnahme auf die beispielhaft genannten Erkenntnisse zu Risikogruppen bleibt zu konstatieren, dass es zur Zeit vor allem im Bereich des Übergangs von der Schule zum Beruf noch immer einen weder zahlenmäßig noch inhaltlich ausgeloteten Bereich diagnostizierten Hilfebedarfs gibt. Die nunmehr regelmäßig vorgesehenen Schulleistungsuntersuchungen werden sicher in Zukunft dazu beitragen, dass gezielte Maßnahmen bedarfsgerecht bereitgestellt werden können.

Gehören Grundbildung und Alphabetisierung zweifellos zu den Pflichtaufgaben von Schule, so fallen dagegen Angebote im nachschulischen Bereich in die Zuständigkeit von Erwachsenenbildungseinrichtungen.

Zwischen beiden Bereichen gibt es bisher zu wenig Abstimmung. Das hängt auch damit zusammen, dass bisher davon ausgegangen wurde, dass der sekundäre Analphabetismus ­ im Sinne des Verlernens und Vergessens - erst mit erheblichem zeitlichem Abstand zur Schulzeit auftritt. Die neueren empirischen Befunde lassen hier andere Wirkungszusammenhänge erkennen. Letztlich sind es die Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse im Rahmen der Schulzeit, die die Grundmotivation für Bildung entscheidend prägen. Schon das Phänomen der Schuldistanz lässt erkennen, dass Vermeidungsstrategien im Ursachenzusammenhang der Entstehung von Kompetenzdefiziten eine wichtige Rolle spielen.

Maßnahmen zur Behebung von bereits erkanntem, während des Schulbesuchs schleichend entstandenem funktionalem Analphabetismus stellen zwar eine staatlich ausdrücklich gewünschte, aber doch freiwillige Aufgabe im Bereich der Erwachsenenbildung dar. Dieser Aufgabe widmen sich vornehmlich Volkshochschulen, die diese Leistung - je nach ihren Budgetmöglichkeiten ­ nur in begrenztem Umfang erbringen können.

Allerdings sucht der betroffene Personenkreis nur in den seltensten Fällen von sich aus um entsprechende Hilfe nach. Oft sind „Verdeckungsstrategien" die einzigen hilflosen Reaktionen, die über das als „eigenes Versagen" apostrophierte Problem hinwegtäuschen sollen.

Auf diese Verdeckungshaltung ist sicher auch die große Zahl derer zurückzuführen, die mit ihrem Grundkompetenzdefizit in der Gruppe der gesellschaftlich Benachteiligten unerkannt leben.

Solange diese Probleme vorrangig nur im Bereich der Erwachsenenbildung konstatiert wurden, galt das Prinzip der Freiwilligkeit. Der aus den Selbstmeldungen abgeleitete Handlungsbedarf führte eher zur Bedarfsorientierung an den bekannt gewordenen Einzelfällen. Die neueren empirischen Untersuchungen lassen erkennen, dass die gemäss UNESCO-Schätzung auf 3,6 % der Gesamtbevölkerung angenommene Quote zu gering dimensioniert ist.

Analphabeten sind in ihren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch in ihrer Teilhabe am öffentlichen, auch am politischen Leben, weitgehend gehindert.

Vor allem die Teilnahme am Arbeitsmarkt erweist sich als zentraler Schlüssel zur Vermeidung von Armut und Sozialhilfebedürftigkeit.

Durch die schwierige Arbeitsmarktlage und die Unvermittelbarkeit bzw. das Scheitern in Ausbildung und Beruf auch jüngerer Menschen aufgrund fehlender Grundkompetenzen wird der Umfang des Problems auch im nachschulischen Bereich deutlicher sichtbar. Vor dem Hintergrund der durchgeführten aktuellen Studien und der internationalen Berichte sowie auf der Basis des Zahlenmaterials des Armutsberichtes wird erkennbar, dass zur Minderung des Problems des sekundären/funktionalen Analphabetismus eine Doppelstrategie zur Anwendung kommen muss.

Mangelhafte schulische Grundkompetenzen entwickeln sich im Ansatz bereits früh in der Schullaufbahn. „Prävention" durch Reformen im Bereich der Grundbildung sind deshalb unabweisbare Konsequenz der festgestellten Ausgangslage. Im Erwachsenenalter muss weiterhin eine „Therapie" durch Kursbesuche an Einrichtungen zur Erwachsenenbildung ermöglicht werden. Dazu sind aktive Maßnahmen der verbesserten Öffentlichkeitsarbeit erforderlich.

4. Grundbildung in Kita und Schule Berlin hat mit weitreichenden Veränderungen, die im Bildungsprogramm für die Kindertagesstätten (Kita) und im neuen Schulgesetz verankert wurden, die Grundlagen für die Neugestaltung der Bildungsarbeit von Kita und Schule gelegt und die nach PISA notwendigen Schritte des Umdenkens eingeleitet.

Bildung ist als ganzheitlicher und komplexer Prozess zu verstehen.

Daher ist es erforderlich, eine qualitativ gute und abgestimmte vorschulische sowie schulische Förderung anzubieten. Im neuen Bildungsprogramm für die Kindertagesstätten nimmt die Sprachförderung eine zentrale Rolle ein. Dies wird insbesondere dadurch deutlich, dass diese Aufgabe als durchgängiges Förderprinzip für alle Bildungsbereiche beschrieben ist. Auch eine Hinführung zur Schriftkultur erfolgt bereits in der Vorschulzeit, womit dem Konzept des Schriftspracherwerbs zugearbeitet wird.

Die kontinuierliche Entwicklung von Bildung und Erziehung und einer altersgemässen Kommunikationskultur sind wesentliche Voraussetzungen für eine gelungene Sprachentwicklung, für die Schaffung einer größeren Chancengleichheit und eine verstärkte Nutzung der Bildungsressourcen mit dem Ziel der Vermeidung von Analphabetismus.

Wer in der Schule lese- und rechtschreibschwach ist und bleibt, steht im Risiko, nach der Schulentlassung zu den sekundären oder funktionalen Analphabeten zu gehören. Daher muss es Ziel der vorschulischen, aber insbesondere der schulischen Förderung sein, darauf hinweisende Signale so früh wie möglich zu erkennen und alle erforderlichen Maßnahmen zur Vermeidung von defizitärer Grundbildung einzuleiten.

Zur Erreichung dieser Zielsetzung wurden folgende zentrale Schwerpunkte gesetzt:

· Frühe Förderung mit dem Schwerpunkt der Sprachentwicklung in der Kita und der Schulanfangsphase durch gemeinsame, auf einander abgestimmte, curriculare Vorgaben, Diagnoseinstrumente und klar abgegrenzte Zuständigkeiten.

· Stärkung der Eigenverantwortung der Schulen mit der Maßgabe des Erstellens von Schulprogrammen und der Pflicht zur Evaluation der erreichten Leistungsergebnisse in den Kernbereichen der Grundbildung. Die zukünftig verpflichtend vorgesehenen Orientierungs- und Vergleichsarbeiten sind auch unter dem Aspekt der Sprachkompetenzerweiterung ein besonders wichtiges Instrument.

· Ausbau von Ganztagsgrundschulen und von Kooperationen zwischen Schule und Jugendhilfe mit der Chance und dem Ziel, das „Mehr an Zeit" auch zur Vertiefung und Festigung schulischer Bildung zu nutzen.

Realisiert werden diese Schwerpunkte auf unterschiedlichen Ebenen:

· Schaffung einheitlicher Grundlagen für die Sprachförderung in Kitas durch die verbindliche Umsetzung des Berliner Bildungsprogramms im Rahmen einer dreijährigen vorschulischen Bildungsphase.

Entwicklung von „Sprachlerntagebüchern" zur Beobachtung, Dokumentation und Diagnose. Auf der Grundlage einer prozessorientierten Beobachtung wird der individuelle Spracherwerb von Beginn des Kitabesuchs bis zur Aufnahme in die flexible Schulanfangsphase dokumentiert. Zur Feststellung der Sprachentwicklung findet jährlich ein „Bildungsinterview" statt.

Das Sprachlerntagebuch bildet eine gute Grundlage für Elterngespräche und soll gleichzeitig ein Anreiz für eine aktive Mitarbeit der Erziehungsberechtigten sein.

Nach dem neuen Schulgesetz ist vorgesehen, Kinder durch den Besuch einer Kindertagesstätte in der deutschen Sprache so weit zu fördern, dass sie bei Eintritt in die Schuleingangsphase dem Unterricht folgen können.

· Verbesserung der Erzieherausbildung in Bezug auf die Sprachförderung in den Kindertagesstätten Künftig sollen die Erzieher/innen gemäß der neuen Ausbildungsordnung nicht nur Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsaufgaben übernehmen und in allen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern selbstständig und eigenverantwortlich tätig sein, sondern auch ganz gezielt den Spracherwerb und die Sprachentwicklung deutscher und ausländischer Kinder und Jugendlicher fördern und deren Kenntnisse der deutschen Sprache vertiefen und erweitern können.

Aus diesem Grunde wird insbesondere das Fach Kommunikation und Gesellschaft unter Berücksichtigung des Profilunterrichts so gestaltet, dass im Umfang von ca. 100

Unterrichtsstunden den Studierenden Grundlagenwissen und Praxis-Können an die Hand gegeben werden für die Vermittlung von „Deutsch als Zweitsprache".

· Sprachstandsfeststellungen zum Zeitpunkt der Schulanmeldung Grundlage der Arbeit in den Schulen sind die curricularen Vorgaben von Anforderungen und Standards in den neuen Rahmenlehrplänen. Im Ergebnis der PISAStudie wird auf die Entwicklung der Sprachkompetenz besonderer Wert gelegt.

Die Lernausgangslage von Schulanfängern ist eine geeignete Grundlage zur gezielten individuellen Förderung von Kindern am Schulanfang.

· Gezielte Hilfen bei Lese-RechtschreibSchwäche

Seit dem Schuljahr 2001/02 gelten die „Ausführungsvorschriften zur Förderung bei besonderen Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten" der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Rundschreiben II Nr. 40/2001).

Die Bestimmungen beziehen sich auf Grundschule und Sekundarstufe I. Es werden dabei allgemeine Hinweise zur Bereitstellung von Förderung innerhalb der Schule und durch Maßnahmen der Jugendhilfe gegeben. Erstmals ist auch der Bereich der

Oberschulen in die Förderkonzeption einbezogen worden.

Zu den Ausführungsvorschriften gibt es eine vom Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) herausgegebene Handreichung, die den Lehrkräften von Grundschule und Sekundarstufe I Unterstützung bei der Umsetzung der Vorschriften bietet.

· In einer festgelegten Schrittfolge wurden Multiplikatoren, Funktionsträger, Lehrkräfte in Fachkonferenzen etc. mit dem neuen Lehrplan vertraut gemacht.

Unterrichtspraktisches Material wird parallel dazu entwickelt. In der Werkstatt zur Unterrichtsplanung im Medienforum des LISUM werden ab Schuljahr 2003/04 Beratungstermine angeboten.

· Kooperation als Chance der Leistungsverbesserung von Schulen

Die Kooperation der Schulen mit freien Trägern der Jugendhilfe, mit Vereinen aus dem Umfeld der Schule hat das Ziel der Öffnung der Schulen nach außen und damit der Verbesserung von Lernbedingungen durch ein Mehr an Zeit und durch Rhythmisierung des Tages sowie durch die Akquisition „helfender Hände".

Im Rahmen des Modellprojektes Eigenverantwortliche Schule (MES) wird der Abschluss von Kooperationsvereinbarungen mit Trägern der öffentlichen und der freien Jugendhilfe vorbereitet und erprobt.

· Stärkere Einbeziehung der Eltern Partizipation von ­ und Kooperation mit Eltern zur Gestaltung des gemeinsamen Bildungsauftrags durch Werbung für den möglichst frühzeitigen Kitabesuch vor allem auch für Kinder mit Migrationshintergrund. Die Einbeziehung von Eltern und ehrenamtlichen Helfern / Senioren in die Kita ­ Arbeit und in außerschulische Aktivitäten verfolgt das Ziel, die zweisprachige Erziehung sowie die Einbindung der Eltern in die sprachliche Integration (Mütterkurse) zu verbessern. Auch eine Intensivierung der Elternarbeit durch Elternabende, Elterngesprächskreise, Eltern- KindSpielnachmittage sollen die Sprachförderung positiv beeinflussen.

· Mehr Eigenverantwortung durch Bildungs- und Erziehungsvereinbarungen

Die aktive Mitwirkung von Eltern und auch von Schülerinnen und Schülern im Sinne der stärkeren Eigenverantwortung wird im Rahmen von Bildungs- und Erziehungsvereinbarungen angestrebt. Dieses Vorhaben wird zunächst ebenfalls im Modellprojekt Eigenverantwortliche Schule (MES) erprobt. Entsprechend den Schulvereinbarungen erfolgen Festlegungen zu:

· den gemeinsamen Bildungs- und Erziehungszielen

· den jeweiligen Beiträgen der Partner zum Erreichen der Ziele

· den Folgen für den Fall des Nichterreichens der Ziele oder der Nichteinhaltung der zugesagten Beiträge.

Für den Bereich der Vermeidung von Analphabetismus ist diese stärkere Akzentuierung von Eigenverantwortung ein wichtiger Schritt, Kinder und Jugendliche im Sinne von transparenten Zielvereinbarungen aktiver und im Sinne von Mitgestaltung und Mitverantwortung in die Bildungsprozesse einzubeziehen.

5. Handlungsbedarf im Schnittfeld SchuleArbeitswelt

Je näher der Abschluss der allgemein bildenden Schulzeit kommt, umso bedeutsamer wird es, sich für jeden einzelnen Schüler über erreichte Ziele und deren Relation zu den Mindeststandards der Bildungsgänge zu informieren. Das gilt insbesondere für die Schularten, die für diejenigen Schülerinnen und Schüler verantwortlich sind, die zu der Gruppe der sozial benachteiligten oder behinderten Jugendlichen gehören. In diesem Sinne sind vor allem Hauptschulen und Sonderschulen angefragt, wie sie sich auf die besondere Bedarfslage ihrer Schülerinnen und Schüler einstellen.

Auf der Grundlage des neuen Schulgesetzes für Berlin soll die Unterrichtsgestaltung in diesen Schularten vor allem unmittelbar für die Jugendlichen das Sinnverständnis für die Bedeutung der vermittelten Inhalte aufschließen. In allen Fächern kommen deshalb handlungsbezogene und anschauliche praxisorientierte Aufgabenstellungen zum Tragen. Insbesondere in den Kernfächern - wie Deutsch und Mathematik - werden Kulturtechniken durch kontinuierliche Anwendung und Übung gesichert.

Ab der Jahrgangsstufe 8 der Hauptschule wird durch Entscheidung der Klassenkonferenz eine Bildungs6