Beifall Frauenförderung und akademischer Nachwuchs im Lande Bremen Große Anfrage der Fraktionen der CDU und der SPD vom 4 Mai

Es ist ein Verkehrsunfall mit Personenschaden passiert. Er hat das telefonisch gerade hier mitgeteilt, und er wird sich ein wenig verspäten. Deswegen sitzt Bürgermeister Röwekamp solange noch hier. Wir können mit Ihrem Einverständnis dann auch mit der Debatte beginnen.

(Bürgermeister Röwekamp : Ich sitze nicht nur, ich höre auch zu!) Herr Bürgermeister, Sie können ja mehreres auf einmal, das wissen wir!

Als erste Rednerin hat das Wort die Abgeordnete Frau Tuczek.

Abg. Frau Tuczek (CDU): Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Bei dieser Debatte geht es nicht nur um Chancengleichheit für Frauen in der Wissenschaft. Wenn gut ausgebildete Frauen dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen oder wenn immer mehr Akademikerinnen keine Kinder mehr wollen, weil sie arbeiten und Karriere machen wollen, dann hat das aufgrund der demographischen Entwicklung fatale Folgen. Gerade Akademikerinnen entscheiden sich in Scharen gegen Nachwuchs, auch weil die Erziehung größtenteils an ihnen hängen bleibt.

Die Gesellschaft, meine Damen und Herren, kann es sich nicht leisten, diese Ressourcen zu verschleudern oder vor der Tür stehen zu lassen. Wir wissen, dass heute mehr Mädchen als Jungen das Abitur schaffen und auch mit besseren Ergebnissen. Bei den Universitätsabsolventen schneiden die Frauen auch hervorragend ab, aber wenn es dann darum geht, Berufe in den obersten Etagen zu erreichen, dann kann man lange hinschauen, bevor man eine Frau findet, ob das in der Industrie oder in der Wissenschaft ist. Insofern freue ich mich, dass wir jetzt an der Universität mit Frau Professor Bunse-Gerstner eine Konrektorin für Forschung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses haben, die auch noch die Probleme kennt, wenn man drei Kinder erziehen muss.

Das Problem der Frauen ist außer der Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dass sie auch eher die Fächer studieren, die ihren Neigungen entsprechen, und nicht so sehr darauf schauen, was der Arbeitsmarkt hergibt. Germanistik, Pädagogik, Sozialwesen, Anglistik, Biologie und Medizin, da sind die Frauen stark vertreten. Bundesweit haben dort im Wintersemester 2004/2005 zirka 60 bis 80 Prozent Frauen studiert. In den naturwissenschaftlichen Fächern sind sie leider stark unterrepräsentiert.

Das gilt auch für Frauen, die promovieren oder gar habilitieren wollen, was auch bei uns aus der Antwort des Senats hervorgeht.

Die Antwort unterstreicht übrigens auch die Frauen für naturwissenschaftliche Bereiche zu interessieren. Die CDU, Herr Bürger, hatte sich ja in den vergangenen Jahren massiv mit Erfolg dafür eingesetzt, dass für Mädchen entsprechende Fördermaßnahmen angeboten werden, und das ist auch gut so.

Es hat kürzlich einen interessanten Beitrag im Spiegel gegeben, Die Frauenfalle, in dem unter anderem festgestellt wird, dass in Industrie und Wirtschaft 80 Prozent des Führungsnachwuchses mit Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, der Ingenieurwissenschaften und der Naturwissenschaften besetzt werden, aber nur 25 Prozent der Absolventen sind Frauen. In karriereträchtigen Fächern wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder war dort eine interessante Aussage, nach der Absolventinnen von reinen Mädchengymnasien sich ganz anders verhalten. Nur drei Prozent der Mädchen machen an solchen Schulen Abitur, aber sie stellen einen Großteil der Studienanfängerinnen in den technischen Fächern. Meine Damen und Herren, ich will das jetzt hier nicht weiter bewerten, aber man sollte doch vielleicht einmal darüber nachdenken, warum das so ist.

Erfreulich ist aus unserer Sicht festzustellen, dass der Anteil der Frauen bei Promotionen auf zirka ein Drittel gestiegen ist, im Jahr 2005 betrug er sogar 44,3 Prozent. Das ist schon erwähnenswert.

Allerdings zeigen die Zahlen bei den Habilitationen und insbesondere bei den Berufungen ein deutliches Ungleichgewicht. Das wird dann allerdings anders bei der Besetzung der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen. Da sind die Besetzungen dann zu 50, 70, 75 oder auch zu 100 Prozent Frauen, wobei das oftmals nur eine Stelle ist. Da ist es dann wieder: Was nutzen die besten Abschlüsse, wenn Frauen sie nicht entsprechend im Beruf umsetzen können und die Männer die gut dotierten Posten besetzen? Frauen finden sich wieder in der zweiten oder dritten Reihe oder suchen sich, wenn überhaupt, einen Job in einem anderen Beruf. Aber, meine Damen und Herren, dafür hätten sie dann auch eben nicht studieren müssen.

Wir haben uns im Gleichstellungsausschuss sehr ausführlich mit diesem Thema beschäftigt, und auch meine Fraktion, die CDU, hat intensive Gespräche mit den Frauenbeauftragten der Hochschulen geführt.

Unisono wurde uns erklärt, dass Frauen zigmal besser sein müssen als Männer, um eine Berufung als Professorin zu erhalten. Dazu kommt, dass in den Berufungskommissionen überwiegend Männer sitzen, und da tun Netzwerke und Freundschaftsbonus ihre Dienste. Auf meine diesbezügliche Frage in der Fragestunde hat Senator Lemke dem ja widersprochen.

Nur, die Fakten, meine Damen und Herren, sprechen eine andere Sprache, das wird ganz deutlich aus der Senatsmitteilung.

Ich habe bei unseren Gesprächen mit den Frauenbeauftragten die Frage aufgeworfen, ob man die Berufungskommissionen nicht paritätisch besetzen sollte. Das wurde allerdings von allen abgelehnt, weil sie sagen, dass es einerseits zu wenig Professorinnen gebe und sie andererseits die Zeit nicht hätten. Insoweit habe ich diesen Vorschlag auch ad acta gelegt. Aber wir hatten ja auch schon einmal eine Kleine Anfrage, in der wir nachgefragt hatten, wie die Unterstützung bei Berufung durch externe Berater ist.

Da hat der Senat geantwortet, dass die Hochschulen sehr wohl auf Wissenschaftler anderer Hochschulen oder Forschungseinrichtungen bei der Besetzung von Berufungskommissionen zurückgreifen. Außerdem würden in vielen Fällen auch Unternehmensberatungen hinzugezogen. In fast allen Stellungnahmen, die ich dazu gelesen habe, wurde die Forderung nach Veränderung der Berufungskommissionen erhoben, weil dort der Schlüssel für Veränderung gesehen wird. Ich denke auch, da muss man ansetzen.

In der Welt vom 2. Juni haben der scheidende Präsident der deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Winnacker, und auch sein Nachfolger, Professor Kleiner, den geringen Frauenanteil auf deutschen Hochschullehrstühlen beklagt, der zurzeit bei 9,2 Prozent liegt. Ich zitiere Professor Winnacker mit Genehmigung des Präsidenten: Wenn eine Situation so verfahren ist, dann helfen nur noch Quotenlösungen. Wir können es uns auf Dauer nicht leisten, dass wir 40 Prozent des wissenschaftlichen Nachwuchses vor der Tür stehen lassen. Soweit das Zitat!

Meine Damen und Herren, solche Äußerungen machen diese Wissenschaftler ja nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil sie wissen, dass wir das Frauenpotential dringend brauchen, wenn Deutschland wettbewerbsfähig bleiben will. Um Frauen auf dem Weg in Führungspositionen zu unterstützen, brauchen sie verlässliche Rahmendaten, gerade in der Zeit, in der sie eine Familie gründen oder Kinder bekommen, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Wir haben das gerade eben gehört. Die in Bremen vorhandenen Kinderbetreuungsmöglichkeiten reichen nicht aus, wie aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage vom Dezember letzten Jahres hervorgeht, was insbesondere die Öffnungszeiten betrifft.

Bei einer Befragung der weiblichen Studenten, die ihr Studium abgebrochen haben, wurde als Grund die Unvereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit sowie von Studium und Kinderbetreuung genannt. Weiter kommt hinzu, dass viele Lehrveranstaltungen erst nach 17.30 Uhr und an Samstagen angeboten werden. Das Betreuungsangebot, so der Senat, soll bedarfsgerecht ausgebaut werden. Das wird von der CDU auch unterstützt, und wir begrüßen das. Wenn wir wollen, meine Damen und Herren, dass sich wieder mehr Akademikerinnen für Kinder entscheiden und im Beruf bleiben, dann müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die auch verlässlich sind.

Aber auf die Kinderbetreuung allein darf man allerdings diese Hindernisse, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, nicht reduzieren. In einem Aufsatz habe ich gelesen, Frauen müssen nicht gefördert, sondern in erster Linie enthindert werden. Da geht es um Verfahren zur Begutachtung von Drittmittelanträgen, da geht es um fehlende Netzwerke und gesellschaftliche Akzeptanz. Der Senat hat in seiner Antwort dargestellt, welche Fördermöglichkeiten es für Frauen gibt, die positiv zu bewerten sind, wie zum Beispiel die Stipendien, das Mentoringprogramm, die Arbeitsstelle Chancengleichheit der Universität, insbesondere für den Bereich Natur und Technik, die Postdoc-Ausschreibung. Ich will das nicht alles wiederholen, was in der Antwort des Senats steht.

Die Hochschulen bemühen sich, die Frauen zu unterstützen. Aber wie auch aus der Mitteilung des Senats ersichtlich ist, reichen diese Maßnahmen nicht aus, und ich kann auch nicht erkennen, dass sich das perspektivisch ändert. Da kann man sich auch nicht immer herausreden, dass die Hochschulen dann mehr Geld brauchten. Da muss umgedacht werden, und das muss vom Wissenschaftssenator, auch vielleicht mit Druck, positiv begleitet und unterstützt werden.

Die Kontrakte zur Gleichstellung müssen umgesetzt werden, die Ziel- und Zeitvorgaben, die in den Kontrakten formuliert sind, müssen einer offiziellen Prüfung unterliegen, und bei Nichteinhaltung muss das Konsequenzen haben und sanktioniert werden.

Auf unsere Frage nach Möglichkeiten, die akademische Nachwuchsförderung von Frauen zu verstärken, schiebt der Senat den schwarzen Peter den Hochschulen zu. Da fehlen mir vom Senat Aussagen, wie manhierumsteuernwill.Nurimmerfestzustellen,dass wir zu wenig Professorinnen haben, das reicht nicht aus. Immer nur das, was wir haben, fortzuschreiben, das reicht schon lange nicht aus.

Meine Damen und Herren, dann komme ich einmal eben zu dem Antrag der Grünen. Wir werden den

Antrag der Grünen, der ja sehr weich formuliert ist und auch vieles enthält, was ich ja hier eben auch angesprochen habe, so nicht beschließen, wir werden ihn in die Wissenschaftsdeputation federführend überweisen. Wir werden ihn nicht überweisen, um ihn da einfach zu beerdigen. Auch der Gleichstellungsausschuss soll mit berücksichtigt werden, und wir werden uns gemeinsam mit dem Gleichstellungsausschuss und der Wissenschaftsdeputation zusammensetzen und diesen Antrag beraten und versuchen, eine vernünftige Regelung, die für alle positiv ausgehen wird, zu erreichen. Wir haben uns gedacht, dass der Zeitrahmen vielleicht der Januar oder Februar nächsten Jahres ist, dann haben wir genügend Zeit, das zu beraten.

Abschließen möchte ich mit einem Satz von Susanne Waldbrecht, die sagt, ich zitiere mit Genehmigung des Präsidenten: Was lehrt uns die Geschichte? Zum einen wird im Rückblick überdeutlich, dass Frauenemanzipation und Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen und Männern immer von den waren und bleiben aber bis heute die Frauen selbst. Meine Damen und Herren, das werden wir denn auch in der gemeinsamen Sitzung Gleichstellung/Wissenschaft machen, und wir werden sehen, was wir da erreichen können. ­ Vielen Dank!

(Beifall bei der CDU) Präsident Weber: Meine Damen und Herren, als nächste Rednerin hat das Wort die Abgeordnete Frau Schön.

Abg. Frau Schön (Bündnis 90/Die Grünen): Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich habe mich sehr über die Anfrage von CDU und SPD gefreut an dieser Stelle, weil sie ja sehr deutlich gemacht hat, dieses Zahlenwerk ist ja sehr deutlich, dass hier einiges im Argen liegt. Frau Tuczek hat das ja auch weitgehend ausgeführt, dass wir eine Schere haben, die sehr weit auseinander geht. Wir haben zwar 50 Prozent weibliche Studierende, aber wir haben eben nur sehr wenige Professorinnen. An der Universität Bremen heißt das, da haben wir gerade einmal 19 Prozent. Damit stehen wir zwar im Bundesdurchschnitt immer noch besser da, aber das ist die Perspektive nicht an dieser Stelle.

Ich will auch noch einmal kurz ein paar Zahlen sagen: Bei den Promotionen haben wir eine Steigerungsrate von 0,9 Prozent im Jahr. Das kann nicht zufriedenstellend sein. Wenn man auf die Teil sogar rückläufig. In Produktionstechnik waren das im Jahr 2001 noch 21 Prozent, aktuell sind das nur zehn Prozent. Es gibt da zwar auch Schwankungen, das muss man anerkennen. Bei den Habilitationen gibt es auch einen großen Rückgang von über 30 Prozent auf jetzt gut 20 Prozent. Im Mittelbau haben wir eine konstante Größe bei 32 Prozent, also auch keine Steigerung, wir haben da keine Steigerungsquoten von weiblichen Angestellten im Mittelbau. Das zeigt, dass wir da richtig Nachholbedarf haben.

Wenn man jetzt auf die Professorinnen sieht, dann haben wir zum Beispiel an der Universität von 2003 nach 2005 gerade einmal eine Steigerungsrate von 17 auf 19 Prozent, also weniger als ein Prozent im Jahr.

Bei den aktuellen Ruferteilungen auf reguläre Professorenstellen sind das in Bremen 19 Prozent an der Universität. Das zeigt, dass wir an der Stelle erheblichen Nachholbedarf haben. Wenn wir auf die Naturwissenschaften in Bremen schauen, dann sind das gerade einmal 17 Prozent.

Ich höre jetzt auch gleich auf mit den Zahlen und möchte noch etwas zum internationalen Vergleich sagen. In Finnland haben wir in den Naturwissenschaften 34 Prozent Frauen, und in Portugal sind es sogar 49 Prozent, also, in solchen Ländern haben wir offenbar Parität. Das zeigt, dass das geht, dass Europa da sehr viel weiter ist als wir und dass wir da erheblichen Nachholbedarf haben.

(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen)

Das zeigt auch, dass offensichtlich die Regelungen im Landesgleichstellungsgesetz und auch im Bremischen Hochschulgesetz nicht ausreichend sind. Da heißt es ja, bei gleicher Qualifikation und Unterrepräsentanz sollen Frauen bevorzugt eingestellt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass man vielleicht über gleiche Qualifikation reden kann. Da gibt es ja sehr viele Studien, die sagen, es gibt Netzwerke, in die Frauen gar nicht hineinkommen, es gibt viele Entscheidungen, die außerwissenschaftliche Kriterien zugrunde legen. Es gibt informelle Strukturen, es gibt männliche Arbeitsstrukturen, und es gibt so etwas wie ein gläsernes Dach, durch das Frauen bei einer gewissen Hierarchieebene nicht mehr hindurchstoßen.