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Ein anderes Forumsmitglied stellte eine Deutschland- und eine Europakarte sowie Fotos mit Vorschlägen für eine Reihe möglicher Anschlagsziele unter anderem in Berlin ein.

Es waren Fotos vom Innenstadtbereich rund um den Fernsehturm am Alexanderplatz, vom Potsdamer Platz, aber auch vom „Roten Rathaus". Dieser Nutzer veröffentlichte auch Fotoserien von Hamburg, München und Köln.

Ein weiterer Nutzer stellte ein „Bittgebet" zur Auslöschung deutscher Städte in das Internet: „Wir versprechen Gott, täglich für sie [die Mujahidin] zu beten, Berlin und Frankfurt auszulöschen."

Ein Forumsmitglied veröffentlichte Bilder verschiedener deutscher Städte ­ darunter Berlin ­ mit Angaben über Geografie, Einwohnerzahl und Sehenswürdigkeiten verbunden mit der Drohung: „Lerne das Land kennen, das bald, wenn Gott es will, von alQaida gesprengt wird."

Diese aggressiven und hasserfüllten Beiträge zeigen, dass es in Deutschland ein Personenpotenzial gibt, bei dem die Propaganda und Hetze von al-Qaida und anderen jihadistischen Gruppen auf fruchtbaren Boden fällt. Auch wenn diese Drohungen in den verschiedenen Internetforen nicht anschlagsrelevant waren, zeigen sie doch eine bedenkliche Radikalisierung.

Ausreisen in terroristische Ausbildungslager nehmen zu

Seit Beginn des Jahres 2009 war eine verstärkte Ausreise gewaltbereiter Islamisten aus Deutschland in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet festzustellen.

Vgl. „Oh ihr Deutschen, wir kommen zu Euch zum Schlachten. Die Ziele sind zahlreich, vielfältig und weit verbreitet" vom 29.9.2009. „Wir versprechen Gott, für unsere Brüder [die Mujahidin], die sich auf seinem Pfade bewegen, zu beten, dass sie die Ungläubigen vernichten mögen" vom 5.10.2009. „Lerne das Land kennen, das bald, wenn Gott es will, von al-Qaida gesprengt wird" vom 6.10.2009. eine solche beabsichtigten. Zu etwa 65 von ihnen existieren konkrete Hinweise, die für eine absolvierte paramilitärische Ausbildung sprechen. Rund 85 dieser 185 Personen halten sich derzeit vermutlich wieder in Deutschland auf, davon sind ca. 15 Personen inhaftiert. Etwa 30 dieser 185 Personen haben sich mutmaßlich seit Beginn des Jahres 2001 an Kampfhandlungen in Krisenregionen beteiligt. Auch gegenwärtig befinden sich Personen mit Deutschland-Bezug (deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund bzw. Konvertiten sowie in Deutschland aufhältig gewesene Personen anderer Staatsangehörigkeit) in Regionen wie dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, in denen Ausbildungslager islamistisch-terroristischer Organisationen liegen.

Die Stammesgebiete in diesem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan sind als Rückzugs- und Reorganisationsraum für „al-Qaida", die IJU, die IBU oder die Taliban von großer Bedeutung. Zwischen diesen Organisationen gibt es nicht nur enge ideologische, sondern auch persönliche Beziehungen, die bisweilen sogar in eine direkte Kooperation münden.

Aufenthalte in Ausbildungslagern einer Terrororganisation markieren das Ende eines Radikalisierungsprozesses. Hier sollen künftige Mujahidin in ihrer jihadistischen Glaubensinterpretation bestärkt und für militante Aktionen gewonnen werden. Diese können von der Teilnahme an Kampfeinsätzen an den so genannten „Jihad-Schauplätzen" (Palästinensische Autonomiegebiete, Irak, Afghanistan, Nordkaukasus) über die Beteiligung an Anschlägen, Anschlagsvorbereitungen und -planungen bis hin zu Unterstützeraktivitäten für islamistisch-terroristische Netzwerkstrukturen reichen.

Stammesgebiete im Grenzgebiet als Rückzugs- und Reorganisationsraum Radikalisierungsprozesse AKTUELLE ENTWICKLUNGEN ­ ISLAMISTISCHER TERRORISMUS 21

Die Rückkehrer aus den Ausbildungslagern nach Deutschland stellen ein besonderes Gefährdungspotenzial dar. Man muss davon ausgehen, dass sie die notwendigen Kenntnisse und den Willen haben, Anschläge zu begehen.

Ein Beispiel ist die so genannte „Sauerland-Gruppe", deren Mitglieder nach ihrer Rückkehr aus dem pakistanischafghanischen Grenzgebiet im Auftrag der IJU Sprengstoffanschläge in Deutschland geplant haben.

Die Konvertiten Fritz G. und Daniel S. sowie der türkischstämmige Adem Y. hatten sich mehr als 700 kg Wasserstoffperoxyd sowie militärische Sprengzünder beschafft. Nachdem sie mehrere Anschlagsziele ausgespäht hatten und in einer Ferienwohnung im sauerländischen Medebach begannen, Sprengstoff herzustellen, wurden sie am 4. September 2007 von der Polizei festgenommen. Der deutsche Staatsangehörige Atilla S. wurde am 20. November 2008 von der Türkei nach Deutschland ausgeliefert. Er war an der Beschaffung von 26 Sprengzündern beteiligt.

Am 4. März 2010 verurteilte das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf Fritz G. und Daniel S. unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, Verabredung zum Mord und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion zu jeweils zwölf Jahren Freiheitsstrafe, Adem Y. zu elf Jahren und Atilla S. zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.

Rückkehrer nach Deutschland sind besonderes Gefährdungspotenzial „Sauerland-Gruppe"