Schülerförderkonten einrichten: Echte individuelle Förderung und Enrichment statt Gießkannenprinzip und Defizitorientierung

Das Abgeordnetenhaus fordert den Senat auf, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern auch bei der Organisation und Mittelverwendung nicht auf Schülergruppen, sondern auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler hin zu individualisieren. Dabei sollen folgende Punkte umgesetzt werden:

- Der Förderbedarf wird individuell ermittelt, anstatt nach Gruppenkennwerten.

- Der individuelle Förderbedarf wird anhand der notwendigen Fördermaßnahmen und der dadurch verbundenen Kosten den Schulen schülerspezifisch und zweckgebunden in Schülerförderkonten als Budget zur Verfügung gestellt.

- Die Schülerförderkonten ermöglichen einen Schulvergleich über eingesetzte Mittel, Fördermaßnahmen und Ergebnisse der individuellen Förderung.

Über die eingeleiteten Maßnahmen ist dem Abgeordnetenhaus bis zum 31.12.2010 zu berichten.

Begründung:

Die derzeitige Organisation der individuellen Förderung der Berliner Schulkinder verdient nicht wirklich das Prädikat „individuell". Die Zuweisungen von Zusatzlehrerstunden an Schulen sind intransparent und werden von Gruppenkennwerten abhängig gemacht. Es ist beispielsweise nicht nachvollziehbar, warum eine Schule mit einer Schülerzusammensetzung von mehr als 40% mit Eigenschaften nichtdeutsche Herkunftssprache (NDH) und/oder Lernmittelzuzahlungsbefreiung (sogenannte „Brennpunktschulen") pauschal Fördermittel erhält.

Dies ist keine individuelle Förderung einzelner Schüler, sondern eine Gruppendefizitorientierung. Es ist den Schulen mit weniger als 40% Schülerzusammensetzung „nicht-deutsche Herkunftssprache" und/oder „Lernmittelzuzahlungsbefreiung" und vor allem den Eltern der Kinder mit diesen Förderbedarfskriterien nicht vermittelbar, warum ihre Kinder keine Zusatzförderung erhalten. Doch auch in den pauschal besser gestellten Schulen ist aufgrund der Förderzuweisung in Form von Lehrerstunden nicht gewährleistet, dass diese Stunden tatsächlich als Förderung bei den einzelnen Kindern ankommen und nicht zweckentfremdet werden.

Durch die Einführung von Schülerförderkonten werden diese Missstände beseitigt, weil den Schulen pro Kind ein individuelles zweckgebundenes Förderbudget überwiesen wird. Durch das Budget können die Schulen darüber hinaus besser multiprofessionell fördern, weil sie auch externe Förderexperten hinzuziehen können. Ein zusätzlicher Vorteil der Schülerförderkonten ist, dass ein stärkerer Fokus auf die individuellen Förderfortschritte gelenkt wird und eine kontinuierliche Förderergebnisevaluation erfolgt.

Ein weiterer Beleg der gegenwärtig nicht am Individuum orientierten Förderung ist der Umgang mit Hochbegabten. Der Senat lässt hier besonders deutlich erkennen, dass er nur über ein defizitorientierten Förderverständnis verfügt. Anders wäre nicht erklärbar, warum für den Senat ein schnelleres Durchlaufen der Schullaufbahn eine Förderung von Hochbegabten sein soll. Das schnellere Erfüllen von Anforderungen ist schließlich nur der Beleg von Hochbegabung, aber keinesfalls einer von Hochbegabtenförderung! Auch hier sorgen Schülerförderkonten für echte individuelle Förderung: Die durch ein schnelleres Erfüllen der Lehrplananforderungen gesparten Lehrerstunden werden hier als Budget im Schülerförderkonto erfasst und stehen so zur Finanzierung von zusätzlichen und vertiefenden Lehrangeboten („Enrichment") zur Verfügung.