Versicherungsschutz

Schon seit 2005 ist eine deutliche Abnahme der Fälle zu konstatieren; der Anteil der Männer an den Fällen zeigt über den Zeitverlauf keine größeren Veränderungen.

Zielgruppen in Berlin

Im folgenden wird dargestellt, welche Zielgruppen in Berlin einerseits zur Prävention von HIV-, STD- und Hepatitisinfektionen und andererseits zur Versorgung bereits infizierter Menschen vorrangig erreicht werden sollen bzw. müssen.

Hierbei ist vorauszuschicken, dass sich die Angebote des öffentlichen Gesundheitsdienstes respektive der Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung in der Regel an die Allgemeinbevölkerung richten, die der freien Träger sich hingegen auf spezifische Zielgruppen beziehen (Ausnahme: Berliner Aids-Hilfe (BAH) mit Angeboten sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für spezielle Zielgruppen).

Auf die spezifischen Zielgruppen in Berlin wird im folgenden eingegangen. Diese werden in zwei Hauptzielgruppen unterteilt, wobei sich die erste Hauptzielgruppe noch in vier Untergruppen klassifizieren lässt:

Zur ersten Hauptzielgruppe gehören Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Verhaltens besonders gefährdet sind, sich mit HIV, sexuell übertragenen Erkrankungen oder Hepatitiden zu infizieren; zur zweiten Hauptzielgruppe gehören Menschen mit chronischen Infektionen.

Bezüglich der erstgenannten Hauptzielgruppe gilt es vor allem, die erhöhte Gefährdung der nachstehend aufgeführten Untergruppen zu reduzieren.Bei der zweiten Hauptzielgruppe ist das zentrale Anliegen, diejenigen Faktoren zu reduzieren, welche zu einer verstärkten Belastung der Zielgruppe beitragen.

Zu den Menschen mit erhöhter Gefährdung gehören folgende Untergruppen:

a) Männer, die Sex mit Männern haben

Diese Gruppe stellt den mit Abstand höchsten Anteil der HIV-Neuinfektionen.

Verschiedene Faktoren tragen zu einer erhöhten Infektionsgefahr bei. Zum einen ist dies natürlich ungeschützter Sex an sich (z. B. als Vertrauensbeweis bei Partnern in einer festen Beziehung oder durch Verliebtsein bei Partnern, die sich noch nicht gut kennen), wobei sich das Risiko einer Infektion durch das Einschätzen des Infektionsstatus eines Sexualpartners noch erhöht (sog. „Sero-guessing").

Auch ungeschützter Sex mit einer hohen Anzahl von Sexualpartnern erhöht das Risiko, so z. B. bei sexuellen Begegnungen im Rahmen „sexueller Netzwerke", bei denen Männer, die sich kennen, zum Sex verabreden und fälschlicherweise aufgrund vermeintlichen Vertrauens von einem negativen Serostatus der Sexualpartner ausgegangen wird. Genauso verhält es sich bei serieller Monogamie. Hier wird ungeschützter Sex im Rahmen jeweils kurzer, aufeinander folgender Beziehungen mit einem Partner ausgeübt.

Weitere Vulnerabilitätsfaktoren sind psychische Instabilität mit all ihren Facetten sowie Alkohol- und Drogeneinfluss/-missbrauch, infolgedessen Schutzmaßnahmen häufig außer acht gelassen werden.

Auch verschiedene Settings sexueller Begegnungen führen zu einer erhöhten Gefährdung, wobei an allererster Stelle Orte anonymer sexueller Begegnungen zu nennen sind. Hier treffen sich Männer zu ungeschütztem Sex, die sich nicht offen in der homosexuellen Szene bewegen wollen.

Insbesondere das Setting „Straßenstrich", in dem sich vorwiegend Jungen und junge Männer bewegen, birgt erhebliche Risiken für Infektionen mit HIV, Hepatitiden oder STI, da in diesem Umfeld Hygiene- und Schutzmaßnahmen häufig vernachlässigt werden.

Ökonomischer Druck, ein niedriger Bildungsstand und ein unsicherer Aufenthaltsstatus bei Migranten führen dazu, dass junge Männer in der Prostitution diese Risiken trotzdem eingehen.

Schließlich sind als Setting besonderer Gefährdung noch Haftanstalten zu nennen, da nicht allen Inhaftierten Möglichkeiten für „safer sex" bekannt sind.

b) Frauen in der Sexarbeit

Das RKI Berlin erfasst Frauen in der Sexarbeit als Teil derjenigen Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben. Aus den Daten des RKI ist jedoch nicht ersichtlich, wie hoch der Anteil der Frauen in der Sexarbeit ist.

Berlin und Rostock sind in Deutschland die einzigen Städte, in denen es keine Sperr-bezirke gibt und somit überall der Sexarbeit nachgegangen werden kann. In Berlin ist dies ist an zwischen 800 und 900 Orten möglich (Bordelle und bordell-ähnliche Betriebe, Nachtclubs, Bars, Sexkinos, Straßen, Wohnungen etc.).

Mehr als die Hälfte aller Sexarbeiterinnen in Berlin hat einen Migrationshintergrund; die meisten kommen aus Osteuropa.

Derzeit sind Zunahmen der Armutsprostitution und der Jugendprostitution zu beobachten, beides aber unabhängig vom Migrationsstatus der Frauen.

Oftmals sind die Sexarbeiterinnen einem hohen ökonomischen Druck (häufig z. B. infolge Drogenkonsums) ausgesetzt, was dazu führen kann, dass diese Frauen ungeschützte Sexualkontakte eingehen.

Weitere Gründe für riskante Sexualpraktiken sind ein unsicherer Aufenthaltsstatus bei Migrantinnen und/oder eine unsichere arbeitsrechtliche Situation. Viele Frauen haben Androhung von Gewalt, tatsächliche körperliche Gewalt oder Ausbeutung erfahren.

Eine erhöhte Gefährdung bezüglich der Infektion mit sexuell übertragbaren Krankheiten liegt insbesondere bei der Prostitution auf dem Straßenstrich vor, da in diesem Setting Hygiene- und Schutzmaßnahmen größtenteils vernachlässigt werden.

c) Menschen aus Hochprävalenzländern

Bei dieser Zielgruppe kommt eine erhöhte Gefährdung durch das Aufeinandertreffen mehrerer Vulnerabilitätsfaktoren zustande. Menschen aus Ländern mit einer sehr hohen HIV-Prävalenz neigen häufig dazu, das Thema HIV/Aids zu verleugnen und sind über die Gefahren der Übertragung schlecht aufgeklärt. Die Krankheit ist mit Angst, Stigmatisierung und Tabuisierung belegt, was dazu führt, dass infizierte Menschen sich in ihren Communities, die bedeutende soziale Gefüge darstellen, nicht outen.

Hinzu kommt, dass Schutzmaßnahmen einerseits aus Unkenntnis, andererseits aus kulturspezifisch bedingten Vorstellungen von Sexualität selten Akzeptanz finden.

Besonders schwerwiegende Vulnerabilitätsfaktoren sind ­ wie bei der Zielgruppe der Frauen in der Sexarbeit ­ ein unsicherer Aufenthaltsstatus und/oder eine unsichere arbeitsrechtliche Situation, was zur Folge hat, dass ärztliche Regeluntersuchungen nicht wahrgenommen werden oder wegen des nicht vorhandenen Versicherungsschutzes nicht in Anspruch genommen werden können. Dies bedingt als weitere Konsequenzen die Verschlechterung der Behandlungsmöglichkeiten bereits infizierter Menschen und die Gefahr einer unwissentlichen Übertragung einer HIV-Infektion bzw. STI oder Hepatitisinfektion an andere.

d) Menschen mit riskantem Drogenkonsum Menschen dieser Zielgruppe haben ein doppeltes Risiko, sich mit HIV, sexuell übertragbaren Erkrankungen und vor allem mit Hepatitis zu infizieren: einerseits durch intravenösen Drogenkonsum und andererseits auf sexuellem Wege.

Ein geringer ökonomischer Status, häufig verbunden mit Wohnungslosigkeit, und der dadurch bedingte ständige Druck, Geld für Drogen beschaffen zu müssen, sowie das Leben im kriminellen/illegalen Umfeld erhöhen das Infektionsrisiko der Betroffenen.

Auch hier führt bei Migrant(inn)en, die intravenös Drogen gebrauchen, ein unsicherer Aufenthaltsstatus dazu, dass medizinische Untersuchungen nicht wahrgenommen werden. Folgen sind wiederum eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Betroffenen sowie eine Weitergabe der Infektion an andere.