Wohlfahrt

Die Statistik der HIV-Neuinfektionen und Aids-Erkrankungen der vergangenen Jahre zeigt, dass es einen kontinuierlichen Anstieg der HIV-Neuinfektionen seit 2001 gibt (vgl. Sonderausgabe A Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch-Instituts, 2008). Das Robert Koch-Institut (RKI) führt diesen Anstieg unter anderem auf die Zunahme anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen zurück. Das Vorliegen anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen (engl.: sexually transmitted infections, STIs), kann in diesem Zusammenhang sowohl die Infektiosität als auch die Empfänglichkeit gegenüber HIV steigern. Betrachtet man demgegenüber die Zahl derer, die an Aids erkrankten bzw. starben, so stellt man fest, dass diese Zahl für den Beobachtungszeitraum stagniert bzw. leicht zurückgegangen ist.

Dies bringt Implikationen für die Arbeit in diesem Handlungsfeld mit sich: Einerseits muss Prävention neue Wege finden, um dem Trend steigender Neuinfektionen entgegenwirken zu können. Andererseits entstehen durch die Veränderungen in Krankheitsverläufen der Aids-Erkrankung neue Anforderungen an die Versorgung der Betroffenen.

Prävention und Versorgung im Bereich HIV/Aids bzw. bei anderen STIs und Hepatitiden erfolgt in Berlin zunächst durch den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Dessen Angebote richten sich vornehmlich an die Allgemeinbevölkerung. Ergänzend dazu gibt es Angebote von Projekten bei den freien Trägern, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden. Die Arbeit der freien Träger wird im so genannten Integrierten Gesundheitsvertrag (IGV) für das Handlungsfeld „HIV/Aids, sexuell übertragbare Erkrankungen und Hepatitiden" geregelt. Der IGV ist ein Vertrag zwischen dem PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverband Berlin e.V. (im Weiteren der PARITÄTISCHE, Berlin) und dem Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz (SenGUV), in dem die übergeordneten Aufgaben für das genannte Handlungsfeld formuliert werden. Danach sind die Angebote und Maßnahmen vorrangig an folgenden Zielen auszurichten:

Prävention und Überwindung von Erkrankungen sowie Verhütung krankheitsbedingter Folgen

Überwindung gesundheitlicher und sozial bedingter Ungleichheiten und Benachteiligungen

Wiedereingliederung in die Gesellschaft

Hilfe zur Selbsthilfe

Für den Leistungsbereich Prävention und Versorgung werden folgende Schwerpunktaufgaben definiert:

1. Prävention und Gesundheitsförderung

2. Psychosoziale Angebote und Beratung

3. (Ergänzende) medizinische und pflegerische Versorgung

4. Selbsthilfeförderung

5. Vermittlung von Wohnraum

Das vorliegende Rahmenkonzept stellt die Grundlage dar, wie den nach Angaben der freien Träger diese Vorgaben aktuell in der Berliner Praxis umgesetzt werden: Welche Ziele und Zielgruppen werden von den einzelnen Trägern bzw. Projekten für ihre Arbeit angegeben? Welche Teilziele entwickeln sich aus diesen Vorgaben und mit welchen Maßnahmen sollen diese Ziele erreicht werden? delphi GmbH Beschreibung der Ziele, Zielgruppen und Maßnahmen im Handlungsfeld „HIV/Aids, sexuell übertragbare Erkrankungen und Hepatitiden" in Berlin 2

2. Ausgangssituation

Das folgende Kapitel beschreibt die epidemiologische Situation in Bezug auf HIV/Aids, andere sexuell übertragbare Erkrankungen und Hepatitiden in Deutschland.

a) HIV/Aids

Die epidemiologischen Daten zu HIV-Infektionen und Aids-Erkrankungen in Deutschland werden jährlich vom Robert Koch-Institut (RKI) als Sonderausgabe des Epidemiologischen Bulletins veröffentlicht.

Insgesamt leben in Deutschland bis Ende 2007etwa 59.000 Menschen mit HIV/Aids (RKI, 2008). 2008 gab es deutschlandweit 2.806 HIV-Erstdiagnosen. Etwa 16% (452) davon entfallen auf das Bundesland Berlin. Das RKI unterteilt die vorliegenden Erstdiagnosen und Erkrankungen nach der Art der Übertragung. Bei 85% der Neudiagnosen lagen Angaben zum Infektionsweg vor. Darunter stellen Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), mit 65% die größte Gruppe dar. Die zweitgrößte Gruppe waren mit 17% Personen, die sich ihre Infektion bei heterosexuellen Kontakten zugezogen haben, aber nicht aus Hochprävalenzländern (HPL) stammen. Personen, die aus Ländern mit einer hohen HIV-Prävalenz stammen, bilden mit 12% die drittgrößte Gruppe. Menschen, die eine HIV-Infektion durch intravenösen (i. v.) Drogengebrauch erworben haben, stehen mit 5% an vierter Stelle. Beim Vergleich mit den Berliner Daten zeigt sich, dass auch in Berlin die MSM die größte Gruppe sind. Mit etwa 80% der gemeldeten Fälle liegen sie dabei jedoch noch deutlich über dem Anteil, der deutschlandweit für diese Gruppe ermittelt wurde. An zweiter Stelle stehen auch in Berlin Personen, die sich ihre Infektion bei heterosexuellen Kontakten zugezogen haben (11%). Die drittgrößte Gruppe in Berlin stellen die Menschen aus Hochprävalenzländern. Mit etwa 7% liegen sie weit unter dem Bundesdurchschnitt. Die Gruppe der Personen, die eine HIV-Infektion über i. v. Drogengebrauch erworben hatte, stand mit etwa einem Prozent an vierter Stelle (RKI 2009).

In Hinblick auf die unter 5.2 beschriebenen Gruppen mit einer erhöhten Gefährdung in Berlin fehlt eine Beschreibung der Prävalenz in der Gruppe der Frauen in der Sexarbeit. Das RKI erfasst Frauen in der Sexarbeit als Teil der Personen, die sich über heterosexuelle Kontakte infiziert haben. Leider ist aus den Daten des RKI nicht ersichtlich, wie hoch der Anteil der Frauen in der Sexarbeit ist. Prinzipiell kann vermutet werden, dass Frauen in der Sexarbeit einen wesentlichen Teil der Personen stellen, die Angaben, sich über heterosexuelle Kontakte infiziert zu haben.

Verbesserte Therapieformen reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Aids. Derzeit sind in Deutschland etwa 12.858 Personen an Aids erkrankt (RKI 2009). In Berlin sind es 2.616. Die größte Gruppe stellen dabei MSM mit etwa 60,2% der Erkrankten. An zweiter Stelle folgen Menschen, die angaben, sich über i. v. Drogengebrauch infiziert zu haben (14,8%). An dritter Stelle folgen mit 6,2% Personen, die sich bei heterosexuellen Kontakten infiziert haben. Menschen aus Hochprävalenzländern stellen mit 5,4% die viertgrößte Gruppe.

b) Sexuell übertragbare Infektionen

Zu den sexuell übertragbaren Infektionen zählen jene Infektionen, die auch oder hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen werden können. Neben HIV/Aids und Hepatitiden (die im nächsten Abschnitt behandelt werden), zählen dazu vor allem Syphilis, Gonorrhoe, Granuloma inguinale, Lymdelphi GmbH Beschreibung der Ziele, Zielgruppen und Maßnahmen im Handlungsfeld „HIV/Aids.