Liberalismus

Liberalismus — System oder Richtung politischer und ökonomischer Ansichten, die die politische Bewegung des aufstrebenden Bürgertums stark beeinflussten und zur wirkungsvollen ideologischen Kraft gegen den Feudalismus wurden. In der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus war der Liberalismus oft die herrschende Ideologie der Bourgeoisie. Auf politischer Ebene traten die Liberalen für den Parlamentarismus und für for­male bürgerlich-liberale Gleichheit und Freiheit ein, um dem Führungsanspruch und dem poli­tischen Alleinvertretungsrecht der feudalen Ober­schichten der Gesellschaften entgegenzuwirken. Die Ansichten des Liberalismus entsprachen den Interessen der nach vorn drängenden Bourgeoisie. Der deut­sche Liberalismus verdankte entscheidende Impulse dem Ausland, wo die kapitalistischen Verhältnisse bereits entwickelter waren (vor allem in England, den USA und Frankreich) und wo der Liberalismus bereits vor dem 19. Jh. im theoretischen Denken verankert war (Naturrecht, Lehre von der Gewaltenteilung). Vor allem die revolutionären Ereignisse in Frank­reich (1789, 1830) führten dazu, in Deutschland die gesellschaftlichen Kräfte gegen das feudale Re­gime zu sammeln und die politische Emanzipation der Bourgeoisie auf die Tagesordnung zu setzen (u. a. 1848). Der ökonomische Liberalismus trat für die un­eingeschränkte Freiheit der Produktion und des Handels ein, was in erster Linie die Freiheit des Kapitals bedeutete, die menschliche Arbeitskraft auszubeuten. Die Forderung nach uneingeschränktem, freiem Han­del (Freihandelstheorie) ist allerdings nur dann konsequent vertreten worden, wenn die nationale Bourgeoisie auf dem Weltmarkt sichere Positionen zu haben glaubte. In den Ländern und in den Produktionszweigen, wo sie sich gegenüber der ausländischen Konkurrenz unterlegen sahen, for­derten die Liberalen protektionistische Maßnah­men (Zollarten). Vom Staat erwarteten sie, dass er nach innen (gegen feudalen Grundbesitz und die revolutionäre Arbeiterklasse) und nach außen (Protektionismus) das ungestörte Funktionieren des kapitalistischen Systems sichert. Die urspr. For­derung nach Nichteinmischung des Staates in das Wirtschaftsleben wurde nach der politischen Emanzipation des Bürgertums und nach einigen Krisenerlebnissen aufgegeben. In der Politischen Ökonomie hat der Liberalismus in der klassischen Lehre des Bürgertums seinen theoretischen Niederschlag gefunden. Unter Be­rufung auf das Postulat der freien Marktwirtschaft (Marktwirtschaft, soziale) übernahmen bürger­liche Ökonomen nach 1945 einige Konzeptionen des historischen Liberalismus.