Pflichten eines Steuerberaters - JuraMagazin
Zu den Pflichten eines Steuerberaters, wenn sich der Güterstand des Auftraggebers ändert.
Zum Sachverhalt: Der Kl. betreibt seit 1966 eine Schweinekuttelei. Zugleich mit der Aufnahme seines Gewerbes beauftragte er den Bekl. zu 1, einen Steuerberater, mit der Buchhaltung, Erstellung der Jahresabschlüsse und Vorbereitung, der Steuererklärungen. Zu dieser Zeit lebte der damals bereits verheiratete Kl. im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft. Im Oktober 1966 vereinbarte der Kl. mit seiner Ehefrau Gütergemeinschaft. Die Änderung seines Güterstandes teilte er dem Bekl. zu 1 nicht mit. Im Mai 1967 schloss er mit seiner Ehefrau einen Arbeitsvertrag. Das ihr gezahlte Gehalt wurde in den Steuererklärungen als Betriebsausgabe abgesetzt und bei den Veranlagungen entsprechend berücksichtigt. Bei einer Betriebsprüfung 1975 wurde das beanstandet, weil das Gehalt, das der mitarbeitenden Ehefrau aufgrund eines Arbeitsverhältnisses gezahlt wird, nach der Rechtsprechung des BFH als Gewinnanteil zu behandeln ist, wenn der Gewerbebetrieb — wie hier — zum Gesamtgut gehört. Anschließend erhielt der Kl. für die Jahre 1971 bis 1973 eine Gewerbesteuernachforderung. Mit der Klage hat der Kl. sowohl von dem Bekl. zu 1 als auch von dessen Ehefrau, der als Steuerbevollmächtigten auftretenden Bekl. zu 2, Herausgabe seiner das Jahr 1976 betreffenden Buchungsunterlagen und der das Jahr 1975 betreffenden Lohnkonten und — zunächst — Zahlung sowie die Feststellung begehrt, dass die Bekl. als Gesamtschuldner verpflichtet seien, ihm Schadensersatz insoweit zu leisten, als er infolge der Nichtabsetzbarkeit des Ehegattengehalts für die Jahre 1974 und 1975 zu Gewerbesteuernachzahlungen herangezogen werde. Bei dem Zahlungsantrag hat er eine insoweit unstreitige Honorarforderung des Bekl. zu 1 berücksichtigt. Zur Begründung hat er vorgetragen, dass er seinen Güterstand alsbald erneut geändert hätte, wenn er vom Bekl. zu 1 ordnungsgemäß beraten worden wäre. Für seine Ansprüche habe die Bekl. zu 2 mit einzustehen, weil auch ihr Name auf dem Kopf der Rechnung stehe, mit der das noch ausstehendeHonorar gefordert worden sei. Der Bekl. zu 1 hat gegenüber dem Herausgabeanspruch ein Zurückbehaltungsrecht geltend gemacht, seine Verpflichtung zum Schadensersatz geleugnet und sich im übrigen auf Verjährung berufen. Mit der Widerklage hat er ferner Honorar verlangt. Die Bekl. zu 2 hat bestritten, dass sie mit ihrem Ehemann in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts praktiziere.
Das LG hat der Klage stattgegeben und die Widerklage abgewiesen. Nach Berufung beider Bekl. und Zahlungs-Anschlussberufung des KI. hat das OLG die Klage dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt. Auf die Revision der Bekl. ist die Klage gegen die Bekl. zu 2 voll abzuweisen; die Klage gegen den Bekl. zu 1) auf Zahlung ist abzuweisen und der Kl. auf die Widerklage zur Zahlung zu verurteilen. Auf Herausgabe der Buchungsunterlagen und Lohnkonten ist der Bekl. zu 1) nur Zug um Zug gegen Zahlung des geschuldeten Honorars zu verurteilen.
Aus den Gründen: I. Das BerGer. hat die Revision zugelassen, „soweit sich das Urteil mit der Frage der Verjährung eines Schadensersatzanspruchs gegen den Steuerberater nach § 68 SteuerberatungsG befasst". Diese Beschränkung auf die Klärung einer Rechtsfrage ist jedoch unwirksam, wie die Revision mit Recht rügt. Auch nach dem neuen Revisionsrecht (so zutreffend Tiedtke, WM 1977, 666 [668]; Baumbach-Lauterbach-Albers, ZPO, 37. Aufl., § 546 Anm. 2 Ca) muss sich die beschränkte Zulassung auf einen tatsächlich und rechtlich selbständigen und ab trennbaren Teil des Gesamtstreitstoffs beziehen (BGHZ 48, 134 [136] = NJW 1967, 2312 = LM § 546 ZPO Nr. 59; BGHZ 53, 152 [155] = NJW 1970, 609 = LM § 546 ZPO Nr. 74 = MDR 1970, 406; BGH, LM § 546 ZPO Nr. 77 = NJW 1971, 1217 (Ls.) = MDR 1971, 569; zuletzt BGH, NJW 1979, 767 m. w. Nachw.). Das ist hier nicht der Fall. Die Frage, ob etwaige Schadensersatzansprüche des Kl. verjährt sind, betrifft die gesamten mit der Klage verfolgten Ansprüche sowie — wegen der Aufrechnung mit der Honorarforderung des Bekl. zu 1— die Widerklage, mithin den ganzen Rechtsstreit. Der Senat hat das angefochtene Urteil daher auch darauf zu prüfen, ob der Bekl. zu 1 überhaupt Vertragspflichten verletzt hat und ob, sofern dies zu bejahen ist, die Bekl. zu 2 hierfür mit einstehen muss.
II. Diese Prüfung ergibt, dass dem Bekl. zu 1 eine schuldhafte Verletzung des Steuerberatungsvertrages nicht vorgeworfen werden kann.
1. Das BerGer. geht davon aus, dass es sich bei diesem Vertrag um einen Dienstvertrag handelte, der eine Geschäftsbesorgung zum Gegenstand hatte (§ 675 BGB). Das ist richtig (BGHZ 54, 106 [107] = NJW 1970, 1596 = LM § 628 BGB Nr. 2 = MDR 1970, 834 = BB 1970, 986). Die Revision beanstandet das auch nicht.
2. Aufgrund des Vertrages, so führt das BerGer. sodann aus, sei der Bekl. zu 1 verpflichtet gewesen, alle für die Abgabe der Steuererklärung bedeutsamen Tatsachen festzustellen und notfalls danach zu fragen. Da er von dem Ehegattenarbeitsvertrag spätestens bei der Vorbereitung der Steuererklärungen für das Jahr 1967 erfahren habe und da aus diesem Arbeitsvertrag steuerliche Folgen gezogen werden sollten, hätte er klären müssen, wer der Steuerpflichtige, d.h. der Inhaber des Betriebes war und in welchem Güterstand der Kl. lebte. Dieser Verpflichtung sei er nicht schon deshalb enthoben gewesen, weil ihm bekannt gewesen sei, dass der Kl. zu Beginn des Mandatsverhältnisses mit seiner Ehefrau im gesetzlichen Güter- stand der Zugewinngemeinschaft lebte. Er habe nämlich weder erwarten dürfen, dass es bei diesem Güterstand bleiben, noch dass der Kl. von sich aus die Änderung des Güterstandes mitteilen werde. Bei ordnungsgemäßer Beratung hätte der Bekl. zu 1 erfahren, dass der Kl. bei Abschluss des Ehegattenarbeitsvertrages bereits im Güterstand der Gütergemeinschaft lebte. Das hätte wiederum den Hinweis erforderlich gemacht, dass sich das Ehegattengehalt bei diesem Güterstand nicht als Betriebsausgabe vom Gewinn abziehen lasse. Da der Kl. bei einer solchen Beratung unstreitig mit seiner Ehefrau einen Güterstand vereinbart haben würde, der die steuerliche Anerkennung des Ehegattengehalts ermöglicht hätte, wären ihm die jetzt als Schaden geltend gemachten Gewerbe- und Einkommensteuernachzahlungen erspart geblieben.
Dagegen wendet sich die Revision mit Erfolg.
a) Sie rügt schon mit Recht die Ansicht des BerGer., dass sich die Pflichten des Bekl. zu 1 aus § 33 StBerG ergäben. Diese Bestimmung beschreibt — ebenso wie der zur Zeit der Mandatserteilung geltende, im wesentlichen gleich lautende § 21 StBerG i. d. F. des Ges. v. 16. 8. 1961 — nur das allgemeine Berufsbild des Steuerberaters und Steuerbevollmächtigten (vgl. das Senatsurt. WM 1968, 1203 = BB 1968, 1263; zustimmend: Späth, Die zivilrechtl. Haftung des Steuerberaters, 1977, Rdnr. 66 mit Fn. 26, Rdnr. 70 mit Fn. 33). Inhalt und Umfang der Pflichten des Steuerberaters richten sich vielmehr nach dem ihm erteilten Auftrag, mithin nach den Besonderheiten des Einzelfalles. In den hierdurch gezogenen Grenzen hat der Steuerberater seinen Auftraggeber dann aber auch ungefragt über die bei der Erledigung des Auftrags auftauchenden steuerrechtlichen Fragen, insbesondere auch über die Möglichkeit einer Steuerersparnis zu belehren. Er muss davon ausgehen, dass sein Auftraggeber in der Regel in steuerlichen Dingen unkundig und vielfach deshalb auch gar nicht in der Lage ist, von sich aus die entsprechenden Fragen zu stellen (Senatsurt., WM 1967, 72 [73] = BB 1967, 105; vgl. Senatsurt. WM 1971, 1206 = BB 1971, 1305).
b) Ist danach an die vom Steuerberater zu beachtende Sorgfalt ein strenger Maßstab zu legen, so folgt hieraus doch nicht, dass der Steuerberater auch dann zu weiteren Ermittlungen verpflichtet ist, wenn er aufgrund zuvor getroffener Feststellungen einen bestimmten steuerrechtlich erheblichen Sachverhalt als geklärt ansehen und ferner annehmen darf, dass sein Auftraggeber etwaige Änderungen dieses Sachverhalts als möglicherweise steuerrechtlich bedeutsam erkennen und von sich aus anzeigen werde.
c) So liegen die Dinge hier.
aa) Entgegen der Annahme des BerGer. hat der Kl. den Betrieb der Schweinekuttelei nicht erst im Juni 1967, sondern unstreitig schon im Juni 1966 eröffnet. Der Kl. hat dies anlässlich seiner Anhörung durch das BerGer. ausdrücklich erklärt. Die Bekl. haben seine Angaben bestätigt. Sie haben auch eine Ablichtung der beiden ersten Seiten der Einkommensteuererklärung des Kl. für das Kalenderjahr 1966 vorgelegt, aus der sich die Eröffnung des Gewerbebetriebes im Jahre 1966 ergibt. Betriebseröffnung und Auftrag an den Bekl. zu 1 zur Führung der Buchhaltung, Erstellung der Jahresabschlüsse und Vorbereitung der Steuererklärungen fielen zeitlich zusammen. Das Mandat war also durch die Aufnahme des Gewerbebetriebes veranlasst.
bb) Mit der Übernahme des Mandats war der Bekl. zu 1 verpflichtet, sich über die Person des Betriebsinhabers zu vergewissern. Jedenfalls die Steuererklärungen konnten naturgemäß nur dann den Anforderungen des Abgabenrechts genügen, wenn der Steuerpflichtige genau bekannt war. Da Ehegatten, die Gütergemeinschaft vereinbart haben, nach der Rechtsprechung des BFH zu § 15I Nr. 2 EStG gemeinsam als Unternehmer eines zum Gesamtgut gehörenden Gewerbebetriebes zu behandeln sind (Betrieb 1966, 608), hatte er auch den Güterstand seines Auftraggebers zu ermitteln. Diese Feststellung hat er getroffen: Er hat bei Erteilung des Auftrags unstreitig gewusst, dass der KI. damals — und damit bei Aufnahme seiner gewerblichen Tätigkeit — im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebte.
cc) Die Behauptung des Kl., dass der Bekl. zu 1 den Ehegattenarbeitsvertrag entweder selbst ausgearbeitet habe oder doch von seinem Büro habe entwerfen lassen, hält das BerGer. — insoweit rechtsfehlerfrei — nicht für bewiesen. Dahinstehen kann deshalb, ob die Mitwirkung am Ahchluß eines solchen Vertrages besondere Aufklärungsund Belehrungspflichten begründet haben würde.
dd) Entscheidend ist danach, ob der Bekl. zu 1 in Kenntnis des Arbeitsvertrages und seines steuerrechtlichen Zwecks verpflichtet war, die Frage nach dem Güterstand des Kl. erneut aufzugreifen. Das ist zu verneinen. Entgegen der Ansicht des BerGer. brauchte er die Möglichkeit, dass der Kl. ihn von einem seinen Güterstand ändernden Vertrage nicht unterrichten werde, nicht in Betracht zu ziehen. Der Bekl. wusste im Zeitpunkt der Erteilung des Auftrags, dass der Kl. im Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebte. Damit, dass der damals bereits mehrere Jahre verheiratete Kl., der seinen Betrieb schon eröffnet hatte, nunmehr Gütergemeinschaft und somit einen steuerlich erheblichen Güterstand vereinbaren würde, brauchte er auch unter Berücksichtigung der ländlichen Verhältnisse, in denen der Kl. lebte, nicht zu rechnen. Die Mitteilung, dass der Kl. mit seiner Ehefrau einen Ehegattenarbeitsvertrag geschlossen hatte, musste den Bekl. zu 1 daher nicht zu der Frage veranlassen, ob der Kl. etwa zwischenzeitlich den Güterstand geändert habe. Er durfte vielmehr davon ausgehen, dass der Kl. sich der — u. a. steuerrechtlichen — Bedeutung der auch für einen juristischen Laien erkennbar wichtigen Änderung des Güterstandes bewusst sein und demgemäß eine solche Änderung ihm (dem Bekl. zu 1) alsbald anzeigen werde.
ee) Das hat der Kl. nicht getan. Er hat zwar behauptet, dass entweder er selbst oder seine Ehefrau die Kostenrechnung des Notars über den „Ehe- und Erbvertrag" zusammen mit anderen Unterlagen zum Zwecke der Verbuchung in die Kanzlei des Bekl. zu 1 gebracht habe.
Dass dieser selbst von der Kostenrechnung Kenntnis erhalten habe, hat der Kl. jedoch nicht vorgetragen. Dieser konnte weder erwarten, dass der Bekl. zu 1 persönlich die Bücher führen und damit von der Kostenrechnung erfahren, noch dass die für die Buchhaltung eingesetzte Bürokraft imstande sein werde, die über die Verbuchung hinausgehende Bedeutung dieses Belegs zu erkennen. Darf ein Steuerberater damit rechnen, dass sein Auftraggeber ihn von der Änderung eines bestimmten steuerrechtlich erheblichen Sachverhalts unterrichten werde, so kann er auch erwarten, dass ihm diese Änderung unmissverständlich mitgeteilt wird. Er wäre überfordert, wenn jeder seiner mit der Buchführung betrauten Angestellten kommentarlos übergebene Belege außer auf deren betriebliche Veranlassung auch darauf prüfen müsste, ob sich aus ihnen möglicherweise eine steuerlich bedeutsame Änderung der persönlichen Verhältnisse seines Auftraggebers ergibt.
III. Das angefochtene Urteil kann nach alledem nicht bestehen bleiben. Da der Rechtsstreit zur Endentscheidung reif ist, hat der Senat in der Sache selbst zu entscheiden (§ 565 III Nr. 1 ZPO).
1. Da der Bekl. zu 1 seine Vertragspflichten nicht verletzt hat, ist die Zahlungsklage gegen beide Bekl. abzuweisen. Es kommt daher nicht mehr auf die Frage an, der etwegen das BerGer. die Revision zugelassen hat, ob etwaige Schadensersatzansprüche des KI. verjährt wären. Es kommt weiter nicht darauf an, ob die Klage gegen die Bekl. zu 2 jedenfalls deswegen hätte erfolglos bleiben müssen, weil diese Bekl. für die Verbindlichkeiten des Bekl. zu 1, die bereits vor ihrem angeblichen Eintritt in eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts entstanden waren, nur dann hätte mithaften müssen, wenn das besonders vereinbart worden wäre.
2. Da dem Kl. Schadensersatzansprüche gegenüber dem Bekl. zu 1 nicht zustehen, ist er auf die Widerklage zur Zahlung des insoweit unstreitigen Honorars für die Buchführung November 1976 sowie die Abschlüsse 1974 und 1975 an den Bekl. zu 1 zu verurteilen.
3. Da dem Bekl. zu 1 noch Honorarforderungen zustehen, ist er berechtigt, die Herausgabe der vom Kl. verlangten Buchungsunterlagen und Lohnkonten zu verweigern (§ 273 BGB). Die Klage hat deshalb nur insoweit Erfolg, als nach § 274 I BGB auszusprechen ist, dass die Buchungsunterlagen und Lohnkonten nur Zug um Zug gegen Zahlung des geschuldeten Honorars herauszugeben sind. Dafür, dass die Bekl. zu 2, die weder einen Honoraranspruch noch ein damit begründetes Zurückbehaltungsrecht geltend macht, Besitzerin dieser Unterlagen wäre, ist nichts ersichtlich. Ihr gegenüber ist die Herausgabeklage daher abzuweisen.
