Chartistenbewegung

Chartistenbewegung - britische Arbeiterbewegung vor der Mitte des 19. Jh. Sie entstand als erste große selbständige Arbeiterbewegung nach der liberalen Parlamentsreform von 1832, die nur die Belange der Industriebourgeoisie berücksichtigt hatte. In der Chartistenbewegung flossen der gewerkschaftliche Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, der politische Radikalismus und die Anfänge sozialistischer Strömungen zusammen. Ihren Kern bildeten zunächst die politischen Arbeitergesellschaften (Working Mens Associations), deren erste 1836 in London gegr. wurde. Anfang 1838 waren es bereits 150. Ihr Programm, war die 1837/38 ausgearbeitete Volkscharta (Peoples Charter), ein Verfassungsvorschlag, der die demokratischen Forderungen nach dem allg. und geheimen Wahlrecht, jährlichen Wahlen und Diätenzahlungen für die Abgeordneten enthielt. Der Lehrmeister des Chartismus war Bronterre OBrien, Vorkämpfer sozialistischer Ideen und Mahner zur Klassensolidarität. Im Kampf um die Durchsetzung der Charta traten verschiedene Strömungen auf: reformistische Tendenzen unter Führung vor allem von Lovett, eine den bewaffneten Aufstand befürwortende Gruppe und ein breites, von OConnor geführtes Zentrum. Das Parlament lehnte 1839 die eingebrachte Massenpetition ab. Die Bildung der National Charter Association (1840) eröffnete eine neue Etappe der Chartistenbewegung, in der die proletarischen Kräfte stärker hervortraten. Sie verbanden in der von 3,3 Mill. Anhängern der Chartistenbewegung unterschriebenen zweiten Petition von 1842 politische mit ökonomischen Forderungen auf Begrenzung des Arbeitstages, Lohnerhöhungen und eine Fabrikgesetzgebung. Als auch die zweite Petition vom Parlament abgelehnt wurde, organisierten die Anhänger der Chartistenbewegung zahlreiche Streiks, durch die sie zur ersten Arbeiterpartei unserer Zeit (Friedrich Engels) wurde. Linke Chartisten unter der Führung von Harney gründeten 1845 die Brüderlichen Demokraten (Fraternal Democrats). Die Industriebourgeoisie benutzte die Macht der Chartistenbewegung, um von den Grundbesitzern 1846 die Abschaffung der Kornzölle zu erzwingen. Als Ergebnis des Kampfes der Chartistenbewegung musste die englische Bourgeoisie im Verlaufe der Wirtschaftskrise von 1847 den zehnstündigen Arbeitstag für Textilarbeiter gewähren.
Die Krise förderte den nochmaligen Aufschwung der Chartistenbewegung, diesmal vor allem auch unter den Arbeitslosen. Eine dritte Petition mit den unerfüllten Forderungen von 1842 erhielt jedoch nicht die gleiche Unterstützung wie die vorangegangene Petition und verfiel daher erst recht der Ablehnung durch das Parlament. Da die Führung der Chartistenbewegung nicht vermochte, Kampfaktionen zu mobilisieren, zerfiel die Chartistenbewegung nach 1848. Die Chartistenbewegung war die erste breite wirkliche Massenbewegung, die politisch geformt und proletarisch-revolutionär war. Sie scheiterte an der mangelnden Reife und Einmütigkeit der Arbeiterklasse im Kampf gegen die damals noch fortschrittliche Bourgeoisie. Die Chartistenbewegung erreichte Verbesserungen in der Lage der Arbeiterklasse und begründete mit einer Reihe von Zeitungen eine Arbeiterpresse.